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Pflegende Angehörige: Kraft tanken erlaubt

LEBENS_WEISE

Pflegende Angehörige fahren oftmals mit schlechtem Gewissen in den Urlaub. Besonders belastend ist der Gedanke, dass die zu betreuende Person während ihrer Abwesenheit versterben könnte. 

Ausgabe: 33/2023
14.08.2023
- Lisa-Maria Langhofer
Eine Auszeit zu nehmen und Kraft zu tanken, ist für pflegende Angehörige wichtig.
Eine Auszeit zu nehmen und Kraft zu tanken, ist für pflegende Angehörige wichtig.
© Jd-photodesign/Stockadobe

Julia und Martin Dobretsberger vom gleichnamigen Bestattungsunternehmen kennen die bange Sorge von pflegenden Angehörigen: „Was ist, wenn genau in den Tagen, während ich in Urlaub bin, meine Mutter, mein Vater oder eben jene Person, die ich betreue, verstirbt?“ „Dabei ist Kraft zu tanken gerade das, was pflegende Angehörige brauchen, da sie oft eine körperlich und seelisch sehr herausfordernde Zeit erleben“, sagt Julia Dobretsberger.

 

Es werde oft übersehen, welch enormer Energieaufwand hinter der Pflege und Betreuung stecke, sagt Martin Dobretsberger: „Das zehrt einen richtig aus. Da ist es gut, zu sich selbst zu sagen: ‚Es ist ok, wenn ich mir mein Frühstück mal nicht selber herrichten muss und dass ich einen Ort habe, wo ich die ganzen Alltagsbelastungen ein bisschen abgeben darf.‘“ 

 

WAS IST, WENN?

 

Aber das ist oft leichter gesagt als getan, denn sofort tauchen Gedanken auf wie: "Was ist, wenn ich die letzte Zeit verpasse, die letzte Möglichkeit der Begegnung?“ Wir kennen die Zukunft einfach nicht, sagt Martin Dobretsberger: „Sören Kierkegaard sagt so schön: ‚Wir leben vorwärts und verstehen rückwärts.‘“

 

Abschied sei ein langer Weg, der nicht erst beim Begräbnis beginne. „Abschied ist eigentlich dort, wo oft eine Diagnose im Raum steht oder wo das Leben nicht mehr so funktioniert, wie man es gewöhnt ist.“ Irgendwann trete der Todesfall ein und markiere das Ende des greifbaren Lebens, aber nicht das Ende des Abschieds. „Wir gehen durch den Abschiedsprozess durch und dann erstarkt die Beziehung zu dem Menschen wieder“, sagt Martin Dobretsberger. Es sei daher absurd zu sagen, ab dem Zeitpunkt, wo ein nahestehender Mensch den Zenit des Lebens überschritten hätte bis zur Bewältigung der Trauer dürfe man nie wieder auf Urlaub fahren. 

 

Eine gewisse Achtsamkeit sich selbst gegenüber sei überaus wichtig, meint auch Julia Dobretsberger: „Ich bin jetzt mitten in einer fordernden Zeit oder habe diese hinter mir, daher möchte ich mir jetzt bewusst die Zeit nehmen, Abstand zu gewinnen um wieder Kräfte zu tanken. Manchmal hilft es, die Perspektive zu wechseln und sich zu fragen, was einem denn ein guter Freund, eine gute Freundin raten würde.“

 

VORBEREITUNG

 

Natürlich ist es sinnvoll, die Möglichkeit, dass die zu betreuende Person während des Urlaubs verstirbt, nicht zu ignorieren.  Das heißt: Man könnte beim Bestatter oder bei der Bestatterin bestimmte Dinge wie Kleidung oder Dokumente hinterlegen oder Organisatorisches für den Sterbefall schon im Vorfeld erledigen.

 

All das trägt dazu bei, beruhigter auf Urlaub fahren zu können. „Oder man zieht eine Vertrauensperson hinzu, die einmal am Tag schreibt, dass alles gut ist oder als Ansprechpartner:in für Alltagsfragen und -probleme für den Zuhausegebliebenen fungiert“, sagt Julia Dobretsberger. Wenn es bisher so gelebt worden sei, könne auch ein täglicher Anruf zu einer vereinbarten Zeit sinnvoll sein. Ein Plan schafft die Freiheit, die man gerade als pflegende:r Angehörige:r braucht.


RITUALE

 

Vor oder während der Abwesenheit des oder der pflegenden Angehörigen können Rituale helfen, um sich miteinander verbunden zu fühlen. Vor allem, wenn diese schon vorher im Alltag etabliert waren. Ein Beispiel ist das Segnen: Sich gegenseitig Gutes oder viel Kraft zu wünschen, ein Kreuz auf die Stirn zu zeichnen, zu sagen: „Ich fahre zwar weg, bin aber in Gedanken bei dir.“ Oder wenn man sonst immer zu einer bestimmten Zeit einen Kaffee zusammen trinkt, eine Sendung schaut, in die Kirche geht oder ein Kreuzworträtsel löst, kann man das während der räumlichen Trennung auch machen und dabei an den jeweils anderen denken. Das schafft ein verbindendens Gefühl. 

 

Tendenziell solle der Abschied auf Zeit immer von der Hoffnung auf ein Wiedersehen getragen sein. „An sich etwas Urchristliches“, sagt Martin Dobretsberger. „Denn auch wenn der andere gestorben ist, glaubt man an das Wiedersehen bei Gott. Wer also gut in diesem Glauben steht und lebt, dem fällt das Abschiednehmen vor einem Urlaub leichter, weil er die Hoffnung hat, dass man sich wiedersieht.“
 

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