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Interview

Glaubenskurse: Neugierig auf den Glauben machen

KIRCHE_OÖ

Mit welchen Kriterien eine Pfarre den passenden Glaubenskurs findet, erklärt Stefan Schlager, Referatsleiter für theologische Erwachsenenbildung.

Ausgabe: 36/2023
05.09.2023
- Heinz Niederleitner
Ein Glaubenskurs ist mehr als eine rein intellektuelle Auseinandersetzung.
Ein Glaubenskurs ist mehr als eine rein intellektuelle Auseinandersetzung.
© master1305 Adobe Stock

Was sind die Ziele, die man mit Glaubenskursen erreichen will? 


Stefan Schlager: Heute ist es gar nicht mehr selbstverständlich, einen Glaubenskurs zu besuchen – auch unter Christ:innen. Insofern ist das Ziel, Menschen auf das Christentum neugierig zu machen und sie einzuladen, den Glauben zu erkunden – im Hinblick auf das eigene Leben sowie auf das damit verbundene ,Sich-Einbringen’ in die Welt. Von einem Glaubenskurs sprechen wir, wenn er zwischen drei und zehn Abende lang dauert.

 

Wie sieht das mit den Zielgruppen aus? Mir ist kürzlich eine Pfarre aufgefallen, die einen Glaubenskurs für Männer und Frauen getrennt veranstaltet.


Schlager: Es gibt sehr gute Erfahrungen damit, dass in einer Pfarre Frauen- und Männerbewegung etwas für ihre jeweiligen Mitglieder anbieten. Wenn es aber zum Grundkonzept eines Glaubenskurses gehört, Frauen und Männer zu trennen, dann würde ich davon abraten und kritisch rückfragen.

 

Gerade im Austausch lässt sich viel voneinander lernen. Die Glaubenserfahrungen und -zugänge von Frauen sind unverzichtbar! Genauso problematisch ist es, wenn in einer Pfarre ein Kurs oder eigene Feiern für ,Überchrist:innen’ angeboten werden. Kurse, die die Welt und Anders- oder Nicht-Gläubige abwerten oder einem ,Elite-Denken’ unterliegen, entsprechen nicht dem Zweiten Vatikanischen Konzil und dem weiten Geist Jesu.


Wer bietet in der Diözese Glaubenskurse an?


Schlager: Wir haben das für die Jahre 2017 bis 2019 erhoben. Auf Diözesanebene gibt es die Kurse der theologischen Erwachsenenbildung, des Katholischen Bildungswerks und des Bibelwerks. Dann organisieren Pfarren oder Pastoralräume Kurse. Dazu kommen die Angebote der Bildungszentren, Bildungshäuser und der Orden.

 

Zusätzlich gibt es Anbieter wie Katholische Aktion, Cursillo, Jugendcursillo oder die Alphakurse, die ursprünglich aus der anglikanischen Kirche stammen. Es tut sich in diesem Bereich also einiges. Aufgrund meiner mehr als 30-jährigen Erfahrung fällt mir auf, dass es früher jedoch ,einfacher’ war, Menschen für einen Glaubenskurs zu motivieren.

 

Wie sieht denn ein guter Kurs über die Grundlagen des christlichen Glaubens aus?


Schlager: Zentral für den christlichen Glauben sind die Gottesfrage, die Person, der Weg und die Bedeutung des Jesus von Nazaret sowie jene Erfahrungen, die theologisch mit dem Bild des Heiligen Geistes ausgedrückt werden.

 

Diese mitunter längst ,entleerten’ Geheimnisse gemeinsam wiederzuentdecken und von deren Weite und Tiefe zu kosten, ist unverzichtbar. Eine besondere Herausforderung sehe ich darin, das mit der kirchlichen Dimension – als gemeinsame Weg- und Feiergemeinschaft – zu verbinden.

 

Kann das daran liegen, dass sich in einer Zeit des Individualismus die Menschen eher für ihre persönliche Gottesbeziehung interessieren?


Schlager: Es stimmt, dass heute die jeweils eigene Biografie und die Individualisierung sehr präsent sind. Deshalb können Glaubenskurse nicht an individuellen Interessen und Nöten vorbeigehen.

 

Zugleich ist es aber wichtig zu betonen, dass es einen weiteren Horizont gibt, dass die Erfahrungen der anderen Menschen bereichernd sind und den eigenen Weg inspirieren können. Gerade in schwierigen Zeiten möchten Menschen Trost und Beistand zugesprochen bekommen, da braucht es den anderen, die Riten, das gemeinsame Feiern.

 

Wenn eine Pfarre einen Glaubenskurs organisieren möchte, sich aber unsicher ist, wer ihn halten soll: Was sollen die Verantwortlichen tun?


Schlager: Wir beraten die Pfarren. Das heißt aber nicht, dass wir ihnen die Entscheidung abnehmen. Vielmehr haben wir eine Checkliste mit Kriterien erstellt, anhand derer die Verantwortlichen zu einer Entscheidung kommen können: Wie sieht das Welt- und Menschenbild bzw. das Bibelverständnis des Vortragenden oder seiner Organisation aus? Entspricht das, was sie über Christsein und Kirche sagen, dem Zweiten Vatikanischen Konzil? Wenn ein Glaubenskurs von außen angeboten wird: Welches Ziel verfolgt der Anbieter? Passt der Kurs in unsere Pfarrgemeinde? Vermittelt ein Kurs das Gefühl, einer Elite anzugehören? Von so etwas zum Beispiel würde ich abraten. Nicht gut wäre es, ein von außen kommendes Angebot für einen Glaubenskurs von der Pfarre kommentarlos einfach anzunehmen.

 

Soll also ein guter Glaubenskurs die Menschenfreundlichkeit Gottes vermitteln und Hoffnung statt Angst machen?


Schlager: Ja, auf jeden Fall! Ein guter Glaubenskurs verschweigt zudem die Schwierigkeiten nicht, das Ringen, die berechtigten Rückfragen und versteift sich – im Sinne der Hierarchie der Wahrheiten – nicht auf Randthemen wie etwa die Engellehre oder bestimmte Fragen der Moral.

 

In den letzten Jahren sind die sogenannten Alphakurse auch in der katholischen Kirche präsent. Wie bewerten Sie diese?


Schlager: Zunächst muss man sagen, dass zwischen 2017 und 2019 in nur sechs Pfarren bei uns solch ein Kurs angeboten wurde. Aber aufgrund von sehr unterschiedlichen Erfahrungen haben wir uns damit näher auseinandergesetzt und dabei das Kursmaterial von Nicky Gumbel und Leo Tanner theologisch analysiert. Dabei ergibt sich ein sehr widersprüchliches Bild.

 

Positiv ist etwa, dass der Kurs sich auf die Grundlagen des Glaubens konzentriert. Allerdings blendet er bei diesen Grundlagen Wichtiges aus. So verdrängt etwa eine ausschließliche Konzentration auf das Kreuz und das Leiden Jesu das Leben dieses Mannes, sein Handeln und die Botschaft vom Reich Gottes. Die im Neuen Testament einzigartige Dimension von Ostern tritt vollständig zurück.

 

Positiv bei Alpha ist die Konzentration auf die Bibel. Allerdings wird die Bibel in der Breite ihrer Gottes- und Lebenserfahrungen nicht entsprechend gewürdigt. Vielmehr ist hier wieder eine Einengung auf einige wenige Themen zu sehen, etwa auf den Heiligen Geist und das Phänomen des ,Stammelns’. Das Prophetische, der Geist der Bergpredigt – all das vermisse ich.

 

Im ,Auftritt’ kommt mir der Alphakurs zudem wie eine ,spirituelle Tupperware-Party’ vor, wo der Glaube wie ein Produkt angepriesen und ,verkauft’ wird. Letztlich: Ziel kann es nicht sein, die Teilnehmer:innen an sich zu binden, sondern sie am Ende wieder in die Freiheit ihrer Entscheidung zu entlassen, wie sie zum Glauben stehen und wie und in welcher Form sie ihn leben wollen.

 

Onlinevortrag zum Thema „Glaubenskurse“ von Stefan Schlager, 
13. September; 16 bis 18 Uhr, Institut für diözesane Fortbildung,
idf@dioezese-linz.at

Stefan Schlager ist Theologe und in der Diözese Linz für theologische Erwachsenenbildung und Weltreligionen zuständig.
Stefan Schlager ist Theologe und in der Diözese Linz für theologische Erwachsenenbildung und Weltreligionen zuständig.
© Privat
Glaubenskurse sollen neugierig auf den christlichen Glauben machen. Angesichts eines großen Angebots gilt es aber, eine Entscheidung zu treffen: Welcher Kurs passt?
Glaubenskurse sollen neugierig auf den christlichen Glauben machen. Angesichts eines großen Angebots gilt es aber, eine Entscheidung zu treffen: Welcher Kurs passt?
© Franz Litzlbauer
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