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Inhalt:
Der Moraltheologe Michael Rosenberger über Tugenden und das Bittgebet in Corona-Zeiten

„Gott ist kein Medizinmann“

Menschen & Meinungen

Von den Ereignissen rund um Corona wird die ganze Gesellschaft überrollt, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit machen sich breit.  Das Leben wird auf den Kopf gestellt. Bei Christinnen und Christen ist das auch eine Anfrage an ihren Glauben.

Ausgabe: 12/2020
18.03.2020
- Josef Wallner
Prof. Michael Rosenberger lehrt an der KU-Linz Moraltheologie.
Prof. Michael Rosenberger lehrt an der KU-Linz Moraltheologie.
© suzy stoeckl

Eine Krise wie die Verbreitung des Corona-Virus ist auch eine Herausforderung für das Leben  als Christ, als Christin. Welche Haltungen sind nun besonders gefragt?
Michael Rosenberger:
Zuallererst die Maßhaltung. Das heißt: Ich schränke meinen Anspruch auf freie Verwirklichung meiner selbst ein um der Gesundheit aller willen. Es geht um die Gesundheit der anderen. Das rechte Maß wird immer durch die Gesundheit der anderen mitbestimmt.
Und das Zweite ist die Demut. Wir spüren in der Krise, wie verletzlich wir sind, wie irdisch wir sind: unser Körper, unsere gesellschaftliche Struktur, die Wirtschaft. Das anzunehmen gehört zum Menschsein. Demut bedeutet, dass wir anerkennen, von etwas Größerem abhängig zu sein. Die aktuelle Situation macht uns den Wert des Lebens wieder mehr bewusst.


Wie zeigt sich die Verantwortung, die ich anderen gegenüber habe?
Rosenberger:
Dass ich so handle, wie die öffentliche Hand es vorschreibt. Generell kann man sagen: Ich soll mit meinen Sozialkontakten so sparsam umgehen, damit ich zum Bremser und nicht zum Beschleuniger der Ausbreitung der Corona-Epidemie werde.


Ein gläubiger Mensch wird eine solche Krise selbstverständlich auch ins Gebet nehmen. Worum sollen wir beten?
Rosenberger:
Wir können beten, dass wir miteinander gut durch die Krise kommen. Nicht werden wir beten: Lieber Gott, mach, dass das Virus in fünf Tagen verschwindet.


Da sind wir nun beim ewig schwierigen Thema Bittgebet ...
Rosenberger:
Bittgebet heißt: Wir dürfen all unsere Sorgen und Nöte Gott anvertrauen, so wie Jesus das am Ölberg gemacht hat. Das Gebet für unsere Situation könnte dann so lauten: Ich wünsche mir und bitte dich, guter Gott, dass wir bald die Krise hinter uns lassen können, aber dein Wille geschehe.


Worum könnten wir konkret bitten?
Rosenberger:
Was wir erbitten können, ist zu spüren, dass Gott uns stärkt. Wir können beten, dass Gott in uns die Haltung des Maßhaltens, der Demut und der Solidarität lebendig erhält oder wachsen lässt.


Hilft beten überhaupt?
Rosenberger:
Wir dürfen uns gewiss sein, dass Gott unsere Sorgen und unser Mühen sieht. Beten hilft, indem es uns innerlich Kraft gibt. Der Lauf der Krise wird sich durch das Gebet nicht verändern. Gott hat die Welt in ihr Eigensein gesetzt und setzt nicht die Naturgesetze außer Kraft, damit das Virus plötzlich verschwindet. Denn Gott ist kein Medizinmann, der Wolken aufziehen lässt, aus denen es Desinfektionsmittel regnet, und damit der Verbreitung ein Ende setzt.


Kardinal Schönborn hat für die ganze Kirche Österreichs ohne wenn und aber die vom Staat  vorgegebenen Maßnahmen übernommen. War das richtig? Dass es keine öffentlichen Gottesdienste mehr geben wird, das heißt im Regelfall nur mehr Privatmessen von Priestern, ist schon einzigartig in der Geschichte des Landes.
Rosenberger:
Ja, selbstverständlich ist das Handeln des Kardinals richtig. Als Kirche sind wir Teil der Gesellschaft. Die Kirche kann sich hier nicht rausnehmen. In diesem Corona-Fall schon gar nicht. Denn die Eindämmung funktioniert nur, wenn sich alle daran halten.

 

Anmerkung der Redaktion:
Bei nicht zu großen Ordensgemeinschaften kann das anders sein, weil sie ähnlich wie eine Familie leben. Abt Nikolaus Thiel vom Stift Schlierbach erklärt, wie es die Zisterzienser im Kloster Schlierbach halten: „Wir wohnen zusammen, wir essen zusammen und wir feiern in der Chorkapelle innerhalb der Klausur, wo niemand von außen teilnehmen kann, auch Gottesdienst. Aber bei den Außenkontakten halten wir uns selbstverständlich an die Vorgaben der Behörden.“


Im Internet kursiert ein viel beachtetes Video, in dem der Schweizer Weihbischof Marian Eleganti die Situation erklärt. Sinngemäß sagt er: Wie kann man vom Kommunionsempfang – auch bei der Mundkommunion – als Christ bloß eine Ansteckung mit dem Corona-Virus befürchten? In der Hostie ist doch Christus gegenwärtig und seine Gegenwart ist heilsam.  
Rosenberger:
Wir als Christen unterscheiden klar zwischen Göttlichem und Menschlichem und müssen beides in eine gute Verbindung bringen. Das ist nicht einfach. Denken wir an das Glaubensbekenntnis, in dem wir beten: Christus ist wahrer Gott und wahrer Mensch, ungetrennt und unvermischt – wie das Konzil von Chalcedon im Jahr 451 formuliert. Im Grunde leugnet der Weihbischof eine zentrale Glaubenswahrheit der Kirche. Auch wenn das Brot in der Eucharistiefeier zum Leib Christi wird, bleibt es physisch Brot, das Wesen wird ein anderes. Selbstverständlich kann auch die gewandelte Hostie eine Krankheit übertragen. Sinnvolle Vorsichtsmaßnahmen zu beachten, ist kein Mangel an Glauben, sondern vernünftig und notwendig.


Im Blick auf die Karwoche und Ostern: Werden wir dann wieder gemeinsam feiern können?
Rosenberger:
Ich hoffe und ich bereite auch meine Predigten vor.

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