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Der Todesengel von Wien; Lichtspiel

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Zwei spannende Bücher für den Leseherbst.

Ausgabe: 45/2023
07.11.2023
- Edith Zoidl 

Der Todesengel von Wien

 

Nina Jelinek

 

Das Erstlingswerk der oberösterreichischen Autorin Nina Jelinek hat es in sich. Der Kriminalroman ist eine „True Crime Story“, das heißt, er beruht auf Tatsachen. Die Autorin wurde auf diese Geschichte bei einem Besuch des Kriminalmuseums aufmerksam.
Die Leserin, der Leser wird in die Jahre nach dem Ersten Weltkrieg versetzt und hier wartet die schöne Martha Marek in einer Gerichtsverhandlung auf das Urteil, weil sie mehrere Menschen getötet haben soll. In Rückblenden wird das Leben dieser schillernden Person durchleuchtet: Der Vater verlässt früh die Familie, es folgen Schule in einem Kloster und Rückkehr zu Mutter und Stiefvater nach Wien. Bald merkt sie ihre Wirkung auf Männer, und sie setzt ihre Reize – auch mit Unterstützung der Mutter – sehr gezielt ein.
Sie verliert ihren ersten Förderer, ihren Mann, ihre Tochter und ihre Tante. Und dann gibt es den jungen Heinrich Truttendorf, der sich nicht mit dem plötzlichen Tod seiner Mutter abfinden will. Er findet Gehör in der „Abteilung für Leib und Leben“.
Wer von diesem Buch einen Krimi mit sympathischen Kommissaren erwartet, der wird vielleicht enttäuscht werden, ist doch der Blick nicht auf sie gerichtet, sondern auf diese Martha Marek, die es wirklich gegeben hat. Dieser historische Kriminalfall zeigt aber auch die Zwischenkriegszeit mit der Weltwirtschaftskrise, politischen Unruhen und persönlichen Schicksalsschlägen auf.
Vielleicht findet Nina Jelinek im Kriminalmuseum einen weiteren interessanten Fall? Hoffentlich!  
 

Nina Jelinek: Der Todesengel von Wien, Gmeiner-Verlag GmbH, Meßkirch 2023, 315 Seiten, € 13


LICHTSPIEL

 

Daniel Kehlmann

 

Dem deutsch-österreichischen Autor Daniel Kehlmann ist mit diesem Buch nach „Die Vermessung der Welt“ und „Tyll“ ein weiterer Bestseller gelungen.
Der Autor führt die Leser:innen in die Welt des Films, der frühen Filmstars und der Propaganda Hitler-Deutschlands. Georg Wilhelm Pabst ist in dieser Zeit der Star des deutschen Stummfilms. Zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten befindet er sich mit Frau und Kind in den USA, kann dort aber nicht an seine Erfolge anknüpfen und kehrt mit seiner Familie in die damalige Ostmark zurück. 
Pabst glaubt, seinen Idealen treu bleiben zu können, doch die Begegnung mit dem Propagandaminister Goebbels zeigt klar auf, wie die Vorstellungen der politischen Führung sind. Pabst soll einen großartigen Film machen, der allerdings nicht  seinen Vorstellungen, sondern denen der politischen Führung entsprechen soll. So werden als Statisten Menschen aus dem Konzentrationslager Theresienstadt nach Prag geholt.
Und dieser Film „Der Fall Molander“ soll an den frühen Ruhm anknüpfen, allerdings wird in den letzten Kriegstagen unter erschwerten Bedingungen gedreht, noch geschnitten und kopiert und versucht, noch alles zu retten. Auf der Flucht gehen schließlich die Filmrollen verloren.
Auch wenn dies alles sehr dramatisch wirkt, gibt es doch auch einiges zum Schmunzeln. 
Die Begegnung von Franz Wilzek, einem Mitarbeiter Pabsts und jetzt dementem Bewohner eines Altersheims, mit dem in Österreich so bekannten Heinz Conrads am Anfang des Romans ist wirklich köstlich. Auch die Spannungen zwischen den Künstler:innen untereinander sind sehr amüsant. Namen wie Greta Garbo,  Heinz Rühmann, Paul Hubschmid, Ilse Werner, Peter Alexander sind ja nicht nur Filmfreaks ein Begriff.
Es gelingt Kehlmann ganz großartig, die Verwicklung zwischen Kunst und Politik, zwischen persönlichem Ehrgeiz und Wahrhaftigkeit aufzuzeigen. 
Und es ist ein Ausflug in die Welt des frühen Films mit all den technischen Problemen, über die wir heute nur mehr milde lächeln können. Großartig!    
 

Daniel Kehlmann: Lichtspiel, Rowohlt Verlag Hamburg, 2023, 470 Seiten, € 27,50

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