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Anton Bruckners Glaube

KULTUR_LAND

Was in Wien schrullig daherkam, war für Oberösterreich nicht ungewöhnlich: Bruckners Katholizität. Bruckners Zeitgenossen in Wien waren damals von Kirche weit weg. 

Ausgabe: 23/2024
04.06.2024
- Elisabeth Maier
 Bruckners Notizbuch: Der Komponist führte genaue handschriftliche Aufzeichnungen, in denen er sein Gebetsleben dokumentierte.
Bruckners Notizbuch: Der Komponist führte genaue handschriftliche Aufzeichnungen, in denen er sein Gebetsleben dokumentierte.
© kiz/elle /ÖNB

Am 12. Jänner 1885 schrieb der Komponist Johannes Brahms an die mit ihm befreundete Elisabeth von Herzogenberg, die dringend ein Urteil über den Symphoniker Bruckner von ihm erwartete: „Alles hat seine Grenzen. Bruckner liegt jenseits, über seine Sachen kann man nicht hin und her, kann man nicht reden. Über den Menschen auch nicht. Er ist ein armer, verrückter Mensch, den die Pfaffen von St. Florian auf dem Gewissen haben. Ich weiß nicht, ob Sie eine Ahnung davon haben, was das heißt, seine Jugend bei den Pfaffen verlebt zu haben?“ 


Ort von Welt

 

Abgesehen davon, dass dieses zu trauriger Berühmtheit gelangte Urteil des allgemein als      sarkastisch bekannten  Brahms voller menschlicher Verachtung ist, ist es auch grundfalsch, was das Stift St. Florian betrifft: Das Augustiner-Chorherrenstift war auch noch zur Zeit Bruckners „ein Ort von Welt“, ein Zentrum von Gelehrsamkeit und Freude an der Kunst, und sollte für Bruckner von lebensentscheidender Bedeutung werden: Seine Zeit als Sängerknabe (1837–1840) und später als Lehrer an der Schule des Marktes (1845–1855) und provisorischer Stiftsorganist (1850–1855) war für ihn prägend, bereichernd,  Horizont erweiternd und gab ihm die Möglichkeit zu ausgiebigen musikalischen Studien. Später, als schon arrivierter Komponist, suchte Bruckner das Stift als seinen bevorzugten Ferienaufenthalt auf, da es ihm Heimat, Erholung und die nötige Ruhe zum Komponieren bot.  

 

Zeitgenossen Bruckners

 

Aber wie erschien Bruckners Zeitgenossen denn eigentlich sein gelebter Glaube? – Als Linzer Dom- und Stadtpfarrorganist (in den Jahren 1855 bis 1868) zählte Bruckner zum kleinen Kreis der das Kulturleben der Stadt tragenden Männer. In den ersten Rezensionen seiner Werke wird kein einziges Mal seiner persönlichen Frömmigkeit Erwähnung getan – sie hatte sachlich hier nichts verloren und scheint niemandem als absonderlich und eigens erwähnenswert aufgefallen zu sein.


Ganz anders war die Situation in Wien. Der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber beschreibt die Jahre 1840 bis 1870 als einen eindeutigen Tiefpunkt kirchlichen Lebens in Wien. Nur 5 Prozent der Männer bekannten sich damals öffentlich zur Kirche. Vor diesem Hintergrund ist die Tatsache, dass Bruckners praktizierte Katholizität manchen seiner Wiener Zeitgenossen als absonderliche Schrulle erschien, schon etwas besser zu verstehen. – So weit ein erster Blick von außen auf Bruckners Katholizität.  

 

Innenleben Bruckners

 

Der große Symphoniker war äußerlich gesellig, aber in Wahrheit scheu und verschlossen; über sein Innenleben äußerte er sich kaum; umso kostbarer sind deshalb seine einzigen wirklich privaten Aufzeichnungen, seine Taschen-Notizkalender, aber auch sie sind von wohlformulierten, mitteilungsfreudigen Tagebüchern meilenweit entfernt. 

 

Gebetsaufzeichnungen

 

In diesen kargen Notizen nehmen die sogenannten „Gebetsaufzeichnungen“ weiten Raum ein, ein Phänomen, das von Theologen, Historikern und Psychologen jeweils ganz verschieden beurteilt wird und auch zu ganz gegensätzlichen und teils sogar kontroversiellen Aussagen geführt hat. 


Bruckner wurde in eine Zeit großer intellektueller und geistiger Umbrüche hineingeboren; als Zeitgenosse Friedrich Nietzsches gingen die drängenden weltanschaulichen Fragen sicherlich nicht spurlos an ihm vorbei. Doch widmete er offenbar täglich bis zu zwei Stunden dem Gebet, wie seine von ihm vor seiner Umgebung geheim gehaltenen Gebetsaufzeichnungen bis zum Tag seines Todes zeigen. Dieses Gebet war ihm mit Sicherheit eine Quelle der Kraft und des Haltes, auch in Zeiten der Angst und der Bedrängnis.   

 

Bruckner hält in der Überarbeitung seiner e-Moll-Messe ein „Misterium“ fest: Sein Bestreben, die Komposition in Perioden zu acht Takten einzuteilen, macht eine Ausnahme im Gloria bei den Worten „tu solus altissimus, Jesu Christe“ (Du allein bist der Höchste, Jesus Christus). Bruckner schreibt verwundert als „Nota bene“ direkt in seine Partitur: „Misterium (unerwartet nach 7. Tact d. Periode)“.  

 

Im Prunksaal: 
Der fromme Revolutionär

 

Bruckner in St. Florian, in Ansfelden oder Vöcklabruck: Stationen seines Lebens sind heuer Orte für besondere Ausstellungen. In Wien hat die Nationalbibliothek ihren Prunksaal Anton Bruckner gewidmet. 

 

Dort zeigt die Nationalbibliothek im Rahmen der Ausstellung „Der fromme Revolutionär“ Bilder, Werke, Exponate, die mit Bruckners Leben und Werk eng verbunden sind. Die Österreichische Nationalbibliothek präsentiert eine Auswahl aus ihrer weltweit einzigartigen Bruckner-Sammlung und zeigt den großen Komponisten im Rahmen einer Sonderausstellung als facettenreiche Persönlichkeit im Spannungsfeld gegensätzlicher sozialer Lebensfelder und als musikalischen Neuerer von großer Kühnheit.

 

Bruckners Hauptwerke werden in dieser Schau ebenso vorgestellt wie seine biografischen Stationen, die die Vielfalt des österreichischen Kulturlebens im 19. Jahrhundert sichtbar machen. Manche Exponate kennt man: etwa den Schlapphut, der sonst im Heimathaus in Vöcklabruck augestellt ist und für die Sonderschau nach Wien verliehen wurde. Die Ausstellung ist bis 26. Jänner 2025 geöffnet. 

Bruckner als Organist, Dr. Otto Böhlers  Schattenbilder.
Bruckner als Organist, Dr. Otto Böhlers Schattenbilder.
© Nationalbibliothek
Taufschein von Anton Bruckner.
Taufschein von Anton Bruckner.
© kiz/elle/ÖNB
Die vielen Seiten Bruckners zeigt die Ausstellung „Der fromme Revolutionär“ in Wien.
Die vielen Seiten Bruckners zeigt die Ausstellung „Der fromme Revolutionär“ in Wien.
© kiz/elle
Der Schlapphut aus Vöcklabruck.
Der Schlapphut aus Vöcklabruck.
© kiz/elle/ÖNB
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