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Die Gesellschaft darf sich nicht spalten lassen

Gesellschaft & Soziales

Bei dem jüngsten Amoklauf in Wien am 2. November tötete ein 20-jähriger Sympathisant der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) vier Menschen, 23 Personen wurden verletzt. Was schiefgelaufen ist seitens der österreichischen Sicherheitsbehörden gilt es nun zu klären. Terrorexperte Friedrich Steinhäusler nimmt Stellung zu den Anschlägen.  

Ausgabe: 46/2020
10.11.2020
- Susanne Huber
Trauer in Wien nach dem Terroranschlag am 2. November.
Trauer in Wien nach dem Terroranschlag am 2. November.
© Paul Wuthe/Kathpress

Wie ist Ihre Einschätzung zu dem Terroranschlag in Wien, aber auch zu jenen davor im Oktober – der Enthauptung eines Lehrers in einem Pariser Vorort und den tödlich endenden Messerattacken in und vor der Basilika Notre-Dame in Nizza, bei denen drei Menschen ermordet wurden? 
Friedrich Steinhäusler:
Meiner Ansicht nach ist bei den ausländischen Attacken ein Muster erkennbar, das darauf hinzielt, Religionen gegeneinander aufzuhetzen, indem man vermeintliche Islamkritiker, Vertreter der Kirche, kirchliche Einrichtungen oder Gläubige angreift. Hier wird eine Art Glaubenskrieg vorbereitet. Die große Gefahr ist, dass diese schrecklichen Ereignisse zu einer Spaltung der Gesellschaft beitragen können, die angestrebt wird. Durch die wiederholten Angriffe ist es möglich, dass Feindbilder entstehen und man dann verallgemeinert und sagt: Das sind die, die uns töten, die uns angreifen. Wenn das passiert, dass sich Gruppen gegeneinander wenden, dann haben wir eine Spaltung der Gesellschaft in „Wir“  und „die Anderen“.

    
Sehen Sie die Gefahr der Spaltung auch hier in Österreich nach dem Terroranschlag in Wien?     
Steinhäusler:
Ich hoffe nicht, aber auch bei uns könnte das Potential für eine Spaltung gegeben sein. Der erschossene Täter war offenbar ein Sympathisant der Terrormiliz IS und hatte eine österreichisch-nordmazedonische Doppelstaatsbürgerschaft. Manche Leute könnten sagen, wäre er nicht hier gewesen, dann hätten wir das Problem nicht gehabt. Aber – und das betrifft all diese schrecklichen, unentschuldbaren Anschläge – wir müssen sehr achtsam sein, dass wir uns nicht gegeneinander aufhetzen lassen, weil einige wenige das bewusst wollen. Darin sehe ich die größte Gefahr von diesen Terroranschlägen. Und wenn diese Spaltung in Europa überhandnehmen sollte – nicht nur in Frankreich, in Deutschland, in Belgien oder in Österreich –, dann haben wir einen kulturellen Flächenbrand in Europa.  


Wie kann man einer Spaltung der Gesellschaft entgegenwirken?
Steinhäusler:
Wir müssen informieren, wir müssen erziehen, wir müssen die Gewichtung richtig treffen. Wenn wir das Maß verlieren angesichts dessen, was diese Attacken wirklich bedeuten an Gefährdung, an Schrecklichem, dann haben die Terroristen gewonnen. In diese Falle dürfen wir nicht tappen. Ansonsten kommt es zu einer Vertiefung der Spaltung in der Gesellschaft. 


Sie haben auch die Erziehung angesprochen. Was würden Sie sich in diesem Bereich wünschen? Denken Sie, dass es gesamtgesellschaftlich gesehen eine Bewusstseinsbildung braucht, die schon in jungen Jahren ansetzt, damit es nicht zu Radikalisierung und Spaltung kommt? 
Steinhäusler:
Absolut. Was mir fehlt in der Erziehungspolitik ist ein Risikomanagement. Wir lernen nicht, eine Bedrohung objektiv zu analysieren und das daraus resultierende Risiko zu bewerten – weder an den Schulen, noch an den Universitäten oder in der Berufsausbildung. Risikomanagement bedeutet zu untersuchen, wie wahrscheinlich ist es, dass eine Bedrohung eintritt und wann wird sie zum Risiko. Danach kommt es zu einer Bewertung: was bringt es, wenn ich diese oder jene risikominimierende Maßnahme setzte.

 
Risikominimierend deutet darauf hin, dass Risiken nie ganz ausgeschaltet werden können ... 
Steinhäusler:
Genau. Null Risiko gibt es nicht. Meiner Ansicht nach wäre es äußerst wertvoll, sowohl die Jugendlichen als auch die Erwachsenen besser zu rüsten und zu wappnen für die Vielzahl von Bedrohungen, die wir im Leben haben. Ein vernünftiges, objektives, wertfreies Risikomanagement in einer Gesellschaft wäre für mich ein fächerübergreifender Ansatz – dazu braucht es finanzielle, statistische, sicherheitstechnische, gesellschaftspolitische und auch ethische und religiöse Aspekte. Bei einem ethisch fundierten Risikomanagement kann natürlich nicht eine Religion eine Entscheidung treffen, sondern hier sind die Gesellschaft und die Gläubigen aller Religionen gefordert. Das hilft, aus diesem Katalog von möglichen Gegenmaßnahmen diejenigen auszusuchen, die ethisch vertretbar sind. 


Die Attentäter sind meistens sehr jung. Die Regierung hat nun auch die Schließung von zwei radikalen Moscheen angekündigt, in denen sich der Täter von Wien radikalisiert haben dürfte. Welche Maßnahmen braucht es Ihrer Meinung nach, um Terror den Kampf anzusagen?
Steinhäusler:
Am wichtigsten ist, dass wir die Gründung oder die Existenz von Parallelgesellschaften in Ländern möglichst vermeiden. Wenn es passiert, dass sich eine Gruppe von Menschen, die  im gleichen Territorium lebt, die gleichen finanziellen und sozialen Errungenschaften genießt, willentlich und absichtlich absondert, dann haben wir meiner Ansicht nach einen sehr fruchtbaren Boden für Extremismus geschaffen. Denn wenn jemand sagt, ich gehöre nicht mehr dazu, dann wird er sich etwas suchen, wo er glaubt dazuzugehören. Und wenn dann jemand kommt und sagt, ich biete dir diese Heimat, die du scheinbar hier nicht hast, dann haben wir die Situation des extremen Radikalismus. Parallelgesellschaften sollten mit allen Mitteln vermieden werden. Und wenn sie schon entstanden sind wie im Berliner Bezirk Neukölln oder in London, dann ist es viel schwieriger, diese Gruppen wieder zu integrieren, weil sie das gar nicht mehr wollen. « 

 

 

Foto: Der Physiker Friedrich Steinhäusler ist Experte für Risiko- und Terrorismusforschung. Aktuell leitet der gebürtige Wiener zwei Arbeitspakete in EU-Projekten im Sicherheitsbereich. Dabei geht es u. a. um die Schaffung von Drohnen, die bei Erdbeben, Großbränden oder Bombenanschlägen helfen, rascher Überlebende zu finden und chemische Substanzen aufzuspüren und zu analysieren.   

Friedrich Steinhäusler
Friedrich Steinhäusler
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