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Vatikanspezialist Marco Politi über den Reformweg von Franziskus

„Der Papst ist nicht schwach“

Weltkirche

Papst Franziskus hat seine Reform der vatikanischen Kurie vorgestellt. Ob er damit seine Ziele erreicht hat und worauf es bei der Kirchenreform ankommt, analysiert Vatikankenner Marco Politi.
 

Ausgabe: 13/2022
29.03.2022
- Heinz Niederleitner
Marco Politi gehört zu den international renommiertesten Vatikan-Journalisten. Er schrieb mehrere Bücher, zuletzt erschienen auf Deutsch: „Franziskus unter Wölfen“ (2015) und „Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche“.
Marco Politi gehört zu den international renommiertesten Vatikan-Journalisten. Er schrieb mehrere Bücher, zuletzt erschienen auf Deutsch: „Franziskus unter Wölfen“ (2015) und „Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche“.
© Wallner/kiz

Entspricht die jetzt vorgestellte Kurienreform den ursprünglichen Plänen von Papst Franziskus – oder musste er Abstriche machen?


Marco Politi: Drei Punkte sind bei dieser Reform besonders wichtig: Erstens steht nun das Dikasterium (Ministerium, Anm.) für die Evangelisierung an erster Stelle. Die Kurie wird zur Hilfsorganisation für Papst und Bischöfe mit den Aufgaben Evangelisierung, Bewahrung des Glaubens und tätige Barmherzigkeit. Zweitens: An der Spitze fast aller Dikasterien stehen nicht mehr zwingend Kardinäle, sondern auch Laien – Männer und Frauen. Die Kurienreform bringt also eine Deklerikalisierung. Drittens: Die Kommission für den Schutz der Minderjährigen vor Missbrauch wird Teil der Glaubenskongregation. Damit wird die Bekämpfung des Missbrauchs ein präzises Ziel der Regierung der Kirche.

 

Viele Veränderungen hat Papst Franziskus  bereits in den Vorjahren realisiert. Das hat jetzt zu Enttäuschungen geführt, weil man eine große historische Wende erwartete. Die Wende gibt es, aber sie zeigt sich im gesamten Pontifikat von Franziskus.


Wie stehen die Chancen, dass sich die Reform nicht nur am Papier, sondern in der Bürokratie durchsetzt – auch gegen Widerstände?


Politi: Betrachten wir das am Beispiel der Rolle der Frauen: Vor zehn oder zwanzig Jahren gab es in der Kurie mit ganz wenigen Ausnahmen keine Frauen in leitenden Positionen. Heute ist das anders: Eine Ordensschwester ist zum Beispiel Untersekretärin (Das bedeutet hier eine Leitungsposition, Anm.) im Rat für die Bischofssynode. Wir haben eine Untersekretärin im Staatssekretariat, eine Ordensschwester als Interims-Präfektin im Dikasterium für die ganzheitliche menschliche Entwicklung. Frauen sind im Vatikan Staatsanwälte, man hat sie in den Wirtschaftsrat berufen. Natürlich darf man nicht übersehen, dass es starke Widerstände gibt.

 

Die Frage des Frauendiakonats macht keine Fortschritte, weil die Kirche gespalten ist. Papst Franziskus kann sich nicht von dem abkoppeln, was in der Weltkirche, in den Bischofskonferenzen gedacht wird. Er hat zum Beispiel der Amazoniensynode die Freiheit gegeben, die Frage eines verheirateten Klerus zu diskutieren. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit bat ihn, unter bestimmten Umständen die Priesterweihe verheirateter Männer zuzulassen. Doch dann gab es große Widerstände. Franziskus sah sich mit dem Rücken zur Wand und konnte nicht riskieren, dass die Spaltung zu groß wurde.

 

Aus Sicht der Diözesen sind die schleppenden, intransparenten und zum Teil einfach schlechten Bischofsernennungen ein Hauptproblem der Kurie. Ändert sich daran etwas?


Politi: Das ist ein Kapitel für sich. Die Kritik an den Bischofsernennungen durch Johannes Paul II. und Benedikt XVI. ist berechtigt. Ihnen galt der Gehorsam als wichtigste Voraussetzung, um Bischof zu werden. Das hat das Niveau der Bischofsernennung gesenkt.

 

Es gibt auch Probleme mit Ernennungen durch Franziskus: Manchmal werden gute Pfarrer Bischöfe, denen aber wahrscheinlich das intellektuelle und theologische Niveau dafür fehlt. Überhaupt vermisse ich das Niveau, das viele Bischöfe und Kardinäle in der Konzilszeit und der Nachkonzilszeit hatten. Bei den Bischofsbestellungen braucht es Änderungen, auch durch verstärkte Einbindung der Laien.

 

In Mitteleuropa wird auch Enttäuschung über Papst Franziskus geäußert: Besteht hier ein falsches Bild vom Papst?


Politi: Man kann den Papst kritisieren. Wenn es aber heißt, er rede nur und verändere nichts, dann finde ich das falsch. Franziskus hat die Kirche in vielen Bereichen verändert: Er ist der Papst, der die Besessenheit der Kirche vom Thema Sexualität vom Tisch gewischt hat. Er hat die Dämonisierung der Homosexuellen beendet. Franziskus hat in der Vatikanbank eine Säuberungsaktion durchgeführt. Bei Missbrauchsfällen hat er viele Bischöfe entfernt und den Kardinal Theodore McCarrick aus dem Kardinalskollegium und dem Klerikerstand entlassen. Würdenträger werden nicht mehr vor gerichtlicher Verfolgung geschützt. Er hat Schritte zur Dezentralisierung gemacht ...


Der deutsche Synodale Weg gilt vielen als „letzte Chance“ der Kirche, in Mitteleuropa Menschen zu erreichen. Ist sich der Papst dessen bewusst?
 

Politi: Ganz bestimmt fürchtet der Papst Spaltungen in der Weltkirche. Dort liegt auch das Problem: Heute gibt es nicht mehr die große, weltweite Debatte von Kardinälen, Bischöfen und Theologen. Jede Bischofskonferenz kümmert sich nur um den eigenen „Garten“. Das ist eine Schwäche des heutigen Katholizismus.

 

Papst Franziskus hat jetzt eine Weltsynode einberufen, die drei fundamentale Themen beraten soll: die Kirche als Gemeinschaft, nicht als Hierarchie; Teilnahme und Teilhabe; Mission. Mir fehlt bislang die lebhafte Debatte in den Diözesen und Bischofskonferenzen. Wenn wir am Ende das Resultat der Synode sehen und es nicht zu Neuerungen und neuer Dynamik kommen sollte, dann ist die Kirche intellektuell und religiös schwach. Das bedeutet aber nicht, dass der Papst an der Spitze schwach ist. Die Schwäche geht dann von der Hierarchie, den Kardinälen und Bischöfen der ganzen Welt aus. «         

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