Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Philipperbrief 4,4–7
Obwohl man heutzutage ungern das Wort „Leiden“ benutzt, wird es in der Welt dadurch nicht weniger. Jeden Tag hört man Nachrichten über Kriege, wirtschaftliche Krisen und menschliche Tragödien. In diesem Kontext klingt der Aufruf des Paulus, sich trotz Leid und Bedrängnis immer zu freuen, ziemlich herausfordernd (Philipper 4,4). Wie ist das möglich, angesichts von allem, womit die Menschen täglich konfrontiert sind? Paulus hat sein eigenes „Rezept“: Diese Freude ist möglich, weil sie in einer tiefen Beziehung zu Gott gründet, die auch durch dunkle Zeiten trägt.
Paulus weiß aus eigener Erfahrung, was Freude im Leid bedeutet. In seinen Briefen beschreibt er zahlreiche Gefahren und Leiden, die er um des Evangeliums willen erträgt. Im ersten Korintherbrief 4,11–13 weist er auf die Ungerechtigkeit hin, die ihm als Apostel widerfährt, und bezeichnet sich angesichts der erduldeten Schmähungen und Beschimpfungen sogar als „Unrat der Welt“. Im zweiten Korintherbrief 4,7–15 versteht er seine eigene Verletzlichkeit und die zahlreichen Bedrängnisse, denen er ausgesetzt ist, als Zeichen dafür, dass die Kraft seiner Verkündigung nicht aus ihm, sondern aus Gott kommt. Auch in 2 Korinther 6,3–10 und 11,21–30 zählt er die körperlichen Qualen auf, die er ertragen hat – all dies für das einzige Ziel: für die Verkündigung des Evangeliums Christi.
Den Philipperbrief schreibt Paulus aus seiner Gefangenschaft, wo er trotz völlig ungewisser Zukunft Freude erfährt. Der Glaube, dass durch sein Leben wie durch seinen Tod Christus gleichermaßen verherrlicht wird (Philipper 1,20), gibt ihm diese Freude. Auch der sogenannte „Christologische Hymnus“ in Philipper 2,6–11, der den Weg Christi von der Erniedrigung bis zur Erhöhung besingt, ist für Paulus ein Leitbild: So wie Christus freiwillig in das Leiden hinabgestiegen ist, um die Menschen zu erhöhen, so sieht Paulus auch seine eigenen Leiden als Teil seiner Christus-Nachfolge im Dienst der Menschen.
Die frühe Kirche sah im Leiden eine Form der Solidarität mit Christus. Deshalb freuten sich in der Apostelgeschichte 5,41 die Apostel, „für den Namen Christi Schmach zu erleiden“. Heute jedoch erscheint uns das Leiden meist als unnötig. Doch auch wenn es keine einfache Antwort auf die Frage nach dem „Warum?“ des Leidens gibt, zeigt die Bibel, dass Leid nicht sinnlos ist. Es kann den Glauben und das Vertrauen vertiefen und zu einer größeren Gottesnähe führen. Paulus fordert uns heraus, das, was uns wehtut und unser Leben völlig aus der Bahn wirft, mutig als Teil unserer Beziehung zu Gott anzunehmen und in den Dienst des Evangeliums zu stellen.
Leid ist im christlichen Verständnis kein Selbstzweck, sondern ein Weg, der zu einem tieferen Vertrauen auf Gott führen kann. Die Freude in diesem Zustand ist kein lauter Jubel – sie drückt sich eher durch die tiefe Hoffnung und Zuversicht aus, dass Gott uns auch in dunklen Zeiten nicht verlässt und dass wir in ihm die Kraft finden, über das Leid hinauszuwachsen.
Die Welt ist unsicher: Kriege, Klimawandel, Wirtschaftskrise, Pandemie – Menschen verlieren den Boden unter den Füßen. Die Angst wächst, und viele verlieren sich in Heilsversprechen, die einfache Lösungen anbieten. Auch in der Bibel finden sich herausfordernde Situationen: Sturm und Gegenwind, Menschen, die ins Ungewisse aufbrechen – und darin die Erfahrung, dass Vertrauen trägt. Vertrauen ist nichts, was man einfach hat. Es wächst, wenn man den ersten Schritt geht ...

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>