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Bischof Scheuer: Antijüdische Stereotype in der Kirche überwinden

GLAUBENS_GUT

Der Linzer Bischof betonte im Vorfeld des "Tages des Judentums", dass die Reflexion der jüdischen Wurzeln des Christentums unabdingbar sei, "um unseren eigenen Glauben verstehen, ja leben zu können".

12.01.2026
- kathpress / ame
Bischof Dr. Manfred Scheuer
Bischof Dr. Manfred Scheuer
© Diözese Linz / Hermann Wakolbinger

Der Linzer Bischof Manfred Scheuer hat erneut zu einer profunden Auseinandersetzung mit den jüdischen Wurzeln des Christentums und zur Überwindung antijüdischer Stereotype in der Kirche aufgerufen.

 

In einem auf der Website des Ökumenischen Rates der Kirchen veröffentlichten Beitrag im Vorfeld des "Tages des Judentums" (17. Jänner) geht Scheuer u.a. auf die Liturgie ein. Zum Kern kirchlicher Identität gehöre der Gottesdienst, so Scheuer: "Wir müssen uns bewusst sein, wie wir uns dabei regelmäßig ganz innig auf das Judentum einlassen." Dies bewusst wahrzunehmen und darüber zu reflektieren, sei Voraussetzung, "um unseren eigenen Glauben verstehen, ja leben zu können". Gerade dazu soll der Tag des Judentums als Tag des Lernens ermutigen.

 

Scheuer: "Wir finden Gebete der Eucharistiefeier, die Inspiration bei jüdischen Segenssprüchen nehmen; hebräische Rufe wie Amen, Halleluja und Hosanna und in der Tradition des Synagogengottesdienstes Lesungen aus der Heiligen Schrift." Und: "Unser Gott, der Vater Jesu, ist der Gott Israels, der Ewige Schöpfer und Befreier, wie ihn das Judentum verehrt und wie er sich der ganzen Welt zeigt." Das österliche Zeugnis der Auferstehung Jesu sei ein jüdisches Zeugnis, so der Bischof: "Für dieses Geschenk der Offenbarung Gottes und des Glaubens Israels sind wir Christinnen und Christen zu unendlichem Dank verpflichtet."

 

Diese Haltung der Dankbarkeit gegenüber dem Judentum bedeute auch, "alles zu unterlassen, was jüdischen Glauben und jüdische Praxis geringachtet und abwertet darstellt". Diese Gefahr könne etwa in den liturgischen Zeiten des Advents oder zu Ostern bestehen, wenn die Glaubensgeschichte Israels nur als unvollkommene Vorläuferin des christlichen Heilsgeschehens wahrgenommen wird.

 

Scheuer weist darauf hin, dass die liturgische Erneuerung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Leseordnung Abschnitte des Ersten Testaments neu eingeführt hat: die erste Schriftlesung und den Psalm. Die Lesung des Ersten Testaments - das mit dem Tanach, der Heiligen Schrift des Judentums, weitgehend identisch ist - helfe zu verstehen, "wie Jesu Botschaft, die Theologie des Paulus und die Erzählungen der Evangelisten im Glauben Israels verwurzelt sind". Freilich: Selbst im Dreijahreszyklus könne nur ein kleiner Teil des Schatzes der Thora, der Propheten und der Schriften berücksichtigt werden. Zusätzliches Bibelstudium sei daher angebracht, mahnt Scheuer ein: "Es weitet den Horizont und vertieft unseren Glauben."

 

Scheuer mahnt ein, sich ein solides Wissen über das Judentum für eine sachgerechte und theologisch fundierte Predigt und Katechese anzueignen. Dabei gehe es aber nicht nur um historische Fakten über die biblische Zeit. Denn: "Wir sind in Zeitgenossenschaft mit jüdischen Gemeinden in unserem Land und weltweit. Diese sind erste und lebendige Zeuginnen der Heiligen Thora, in der auch wir Christinnen und Christen durch Jesus unsere Quellen finden." Dazu sei auch die Geschichte kirchlicher Überheblichkeit und Gewalt gegenüber dem Judentum demütig in Betracht zu ziehen.

 

Gegen judenfeindliche Schlagseite

 

Scheuer weist weiters darauf hin, dass bereits durch ein paar neue Einsichten christliche Schriftinterpretation ihre bisweilen judenfeindliche Schlagseite und eingefahrene Stereotype ablegen und so ein Mehr an Wahrhaftigkeit gewinnen kann. Er benennt einige Beispiele: Auch Jüdinnen und Juden nennen Gott "Vater". - "Abba" sei demnach keine allein für Jesus spezifische Anrede. Oder: Die Heilige Tora - das sogenannte "Gesetz" - bedeute Glück und Freude im Judentum; sie werde vielfältig und lebensnah ausgelegt. Der Sabbat sei ein Vorgeschmack auf die Vollendung der Schöpfung, die Juden und Christen erwarten.

 

Zudem plädiert Scheuer für ein neues Bild der Pharisäer: "Die Pharisäer waren eine Bewegung, die sich - wie auch Jesus selbst - um Heiligung des Alltags bemühte, eine Gottesbeziehung, die nicht zuallererst über den Opferdienst im Tempel vermittelt wurde." Ein weiterer Punkt: Liebe - Selbstliebe, Nächstenliebe und Feindesliebe - sei natürlich auch schon eine Grundhaltung im Judentum. "Der Gott Israels und Vater Jesu ist immer schon barmherzig; er erbarmt sich des Sünders und ermöglicht einen Neuanfang nach schuldhaftem Verhalten", so der Bischof. - Scheuer ist in der Österreichischen Bischofskonferenz für die Beziehungen zum Judentum zuständig und stellvertretender Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich.

 

Die Kirchen begehen jedes Jahr am 17. Jänner den "Tag des Judentums". Das Christentum ist von seinem Selbstverständnis her wesentlich mit dem Judentum verbunden. Damit dies den Christen immer deutlicher bewusst wird, hat der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) im Jahr 2000 den 17. Jänner als eigenen Gedenktag im Kirchenjahr eingeführt. Dabei sollen sich die Christen in besonderer Weise ihrer Wurzeln im Judentum und ihrer Weggemeinschaft mit dem Judentum bewusst werden. Zugleich soll auch das Unrecht an jüdischen Menschen und ihrem Glauben in der Geschichte thematisiert werden. Dies erfolgt im Rahmen von Gottesdiensten und weiteren Gedenk- und Lernveranstaltungen.

 

Der "Tag des Judentums" wird in ganz Österreich mit verschiedenen Veranstaltungen und Gottesdiensten begangen. Der zentrale Gottesdienst zum "Tag des Judentums", den der ÖRKÖ gemeinsam mit dem Koordinierungsausschuss veranstaltet, findet am Samstag, 17. Jänner, um 18 Uhr in der Wiener armenisch-apostolischen Kirche St. Hripsime (1030 Wien, Kolonitzgasse 11) statt. Der Gottesdienst steht unter dem biblischen Motto "Lasst uns Gott lernen" (Hosea 6,3-6). Die Predigt hält der Wiener katholische Dechant und Pfarrer Ferenc Simon.

 

>> Mehr zum Thema Dialog mit dem Judentum

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Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen

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