Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen
„Nächster Halt, next Stop: Sopron“, kündigt die Stimme aus dem Lautsprecher in der S-Bahn an. Oh nein, bin ich im falschen Zug? Ich habe den Reisepass nicht mit! Erst langsam dämmert mir: Die gelb-grüne S-Bahn-Garnitur der „Raaberbahn“ fährt aus dem Burgenland über die ungarische Stadt Sopron weiter ins Burgenland. Quasi ein „kleines ungarisches Eck“. Erleichtert lehne ich mich zurück und schaue aus dem Fenster, um zehn Minuten später Deutschkreutz zu erreichen.
Beim Schritt aus der klimatisierten S-Bahn auf den Bahnsteig schlägt mir die pannonisch-trockene Hitze entgegen. Kaum jemand ist bei diesem Wetter zu Fuß unterwegs. Mein Weg führt der Straße entlang, zwischen den einstöckigen Häusern am Rand der 3000-Einwohner-Marktgemeinde durch. Und weiter übers freie Feld, auf einem asphaltierten Radweg. Von Weitem ist die weiß gekalkte Kapelle mit vorragendem Flachdach sichtbar, die das Ziel der Reise ist. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, sieht man viele Autos in der Sonne glitzern. Ob die alle zur Segnung der Jakobuskapelle gekommen sind? Aber nein, die fröhliche Geschreikulisse macht beim Näherkommen schnell klar, dass das größte Interesse heute am Freibad besteht.
Dennoch ist auch bei der Kapelle ein schönes Grüppchen versammelt. Man sucht den Schatten der vereinzelt stehenden Bäume oder betritt gleich das kleine Gotteshaus, das ein wenig kühler ist als die Umgebung. Helmut Gager begrüßt alle Ankommenden persönlich. Er hatte vor mittlerweile 16 Jahren die Idee, eine Jakobuskapelle zu erbauen. Gereift war der Gedanke in ihm, als er 800 Kilometer zu Fuß auf dem Jakobsweg war. In diesem Jahr, 2010, pilgerte er nicht mit seiner Frau Johanna Steinmetz, sondern alleine, aus gutem Grund: Als Abteilungsleiter einer Spedition verabschiedete er sich in die Pension und wollte Abstand gewinnen. Als er mit dem Vorsatz heimkam, dem heiligen Jakob eine Kapelle zu erbauen, war Johanna Steinmetz einverstanden. Nicht alle Vorstellungen trug sie aber von Anfang an mit. Helmut Gager wachte eines Tages auf und war überzeugt, dass das neue Gebäude ein Dreieck als Grundriss braucht. „Wie unpraktisch zum Putzen!“, rief Johanna Steinmetz auf den Boden der Realität zurück. Doch der Gedanke überzeugte schließlich auch sie. Gemeinsam mit Architekt Alexander Beisteiner entwickelten sie den Plan, der für eine Kapelle noch mehr ungewöhnliche Facetten hatte. Zum Beispiel das Material. Es sollte vollständig ökologisch sein, quasi biologisch abbaubar. Gebaut wurde 2013 aus Stroh, Holz, Schilf und Kalkputz. Zahlreiche helfende Hände waren dabei, als das Stroh zwischen die Holzlatten gestopft wurde und der Putz Halt am Schilfgeflecht der Außenwand finden musste.
Einige von ihnen sind nun wieder versammelt. Im Mai hatte jemand die Tür der Kapelle aufgebrochen und großen Schaden an der Inneneinrichtung angerichtet sowie Fensterglas zerstört. Sogar in die Steinplatten am Boden hatte man mit Wucht Dellen geschlagen. Nach dem ersten Schock war für Helmut Gager und Johanna Steinmetz schnell klar, dass sie der Zerstörung nicht das letzte Wort lassen. Sie entschieden sich, alles wieder instand zu setzen und die Jakobuskapelle neu segnen zu lassen. Neben Pfarrer Nikolas O. Abazie, der den Pfarrverband Deutschkreutz-Neckenmarkt leitet, kam der Benediktiner Maximilian Krenn zur Segnung. Er gehört zum Stift Göttweig, hat aber bereits in mehreren Benediktinerstiften gelebt, um diese aus Krisensituationen zu führen. Derzeit wirkt er als Prior im deutschen Kloster Maria Laach in der Nähe von Koblenz. Mit Deutschkreutz kam er zunächst im nordspanischen Logroño in Kontakt. Denn dort war er als Pilger dem pilgernden Ehepaar aus dem Burgenland an einer Bushaltestelle begegnet – für etwa 20 Sekunden, so erinnern sich alle, denn dann kam schon der Bus. Doch Helmut Gager blieb die Begegnung im Gedächtnis, und so bat er sieben Jahre später Pater Maximilian, im Mai 2014 zur Segnung der Jakobuskapelle nach Deutschkreutz zu kommen. Daraus entwickelte sich eine Freundschaft, die auch tausend Kilometer Abstand zwischen ihren Wohnorten überwindet.
Helmut Gager hat die Jakobuskapelle aus Dankbarkeit in Deutschkreutz gebaut, dort, wo er seine Kindheit verbracht hat und seine Frau ein Ferienhaus vermietet. Die Gemeinde hat den Grund zur Verfügung gestellt. Er selbst und andere erleben den Ort an der Ausfahrt Richtung Staatsgrenze als Kraftplatz, erzählt der Erbauer der Kapelle. „Wir wissen nicht, wer die Kapelle so gewalttätig behandelt hat und warum“, sagt Helmut Gager nachdenklich. „Aber wir beten für diese Menschen.“ Als der zweite Segnungstag der Jakobuskapelle in einem nahegelegenen Heurigenbetrieb ausklingt, erwachen bei den Anwesenden die Erinnerungen an den gemeinsamen Kapellenbau, mit seinen Rückschlägen und Erfolgen.
erbaut von Helmut Gager und Helfern 2013
beschädigt, renoviert und wieder
gesegnet 2026
steht in Deutschkreutz, Burgenland
Die Bundeshymne lobt Österreich als Land der Dome. Österreich ist aber auch ein Land der Kapellen, Bildstöcke und Wegkreuze. Die privaten „Gotteshäuschen“ bestehen nur, weil Menschen sie hegen und pflegen. Warum sie das tun, erzählt die 6-teilige Sommerserie der österreichischen Kirchenzeitungen.

Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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