Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin und leitet das Referat für Spiritualität im Pastoralamt der Erzdiözese Wien .

Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah! Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum HERRN, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen.
Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.
Ich erwarte und hoffe, dass Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe. Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn. Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht. Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das! Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe. Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht!
Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben. Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg. Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten. Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist. Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso.
Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig? Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten! Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.
Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar. Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen. Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin? So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.
Jeden Tag will ich dich preisen
und deinen Namen loben auf immer und ewig.
Groß ist der HERR und hoch zu loben,
unerforschlich ist seine Größe.
Der HERR ist gnädig und barmherzig,
langmütig und reich an Huld.
Der HERR ist gut zu allen,
sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.
Gerecht ist der HERR auf all seinen Wegen
und getreu in all seinen Werken.
Nahe ist der HERR allen, die ihn rufen,
allen, die ihn aufrichtig rufen.
Das Gleichnis vom Weinbergbesitzer wirkt zunächst irritierend. Früh am Morgen werden Arbeiter eingestellt, später noch einmal, dann noch einmal – bis zur letzten Stunde des Tages. Am Abend bekommen alle den gleichen Lohn: einen Denar. Für die Menschen zur Zeit Jesu war das ein fairer Tageslohn, der das Nötigste sicherte.
Das Irritierende daran ist, dass alle gleich viel erhalten. Die, die lange gearbeitet haben, empören sich. Darauf antwortet der Weinbergbesitzer: „Ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ – das bedeutet: Kannst du dich nicht freuen, dass ich großzügig bin?
Den Reflex von Neid und Empörung verstehe ich nur allzu gut. Für mich ist es normal, in Kategorien von Leistung und Vergleich zu denken: Wer mehr tut, soll mehr bekommen. Der Weinbergbesitzer aber denkt anders. Er handelt nicht leistungsorientiert, sondern fürsorglich: Jeder soll genug zum Leben haben. Mit diesem Gleichnis erzählt Jesus etwas über das Herz seines Vaters. Gottes Gerechtigkeit ist keine kühle Abrechnung. Sie ist eine Gerechtigkeit der Liebe.
Zugleich ist dieses Gleichnis ein Bild für das Reich Gottes. Die verschiedenen Zeiten, zu denen die Arbeiter angeworben werden, können auch Lebenswege darstellen: Manche finden früh zum Glauben, andere spät. Vor Gott zählt nicht die Dauer, sondern die Antwort des Herzens. Alle bekommen denselben Lohn. Für Neid ist im Reich Gottes kein Platz.
Mit diesem Gleichnis stellt Jesus mir die unbequeme Frage, wie ich mit Gottes Güte umgehe. Freue ich mich darüber – auch wenn andere scheinbar „gleich viel“ bekommen? Oder beginne ich zu rechnen?
Gott lädt uns ein, seine Großzügigkeit zu teilen. Wer sich darauf einlässt, wird innerlich frei. Ich muss nicht mehr vergleichen, sondern kann dankbar empfangen und großzügig weitergeben.

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin und leitet das Referat für Spiritualität im Pastoralamt der Erzdiözese Wien .