Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen
So spricht der Herr: Du Menschensohn, ich habe dich dem Haus Israel als Wächter gegeben; wenn du ein Wort aus meinem Mund hörst, musst du sie vor mir warnen.
Wenn ich zum Schuldigen sage: Schuldiger, du musst sterben! und wenn du nicht redest, um den Schuldigen vor seinem Weg zu warnen, dann wird dieser Schuldige seiner Sünde wegen sterben; sein Blut aber fordere ich aus deiner Hand zurück.
Du aber, wenn du einen Schuldigen vor seinem Weg gewarnt hast, damit er umkehrt, und er sich nicht abkehrt von seinem Weg, dann wird er seiner Sünde wegen sterben; du aber hast dein Leben gerettet.
Schwestern und Brüder! Niemandem bleibt etwas schuldig, außer der gegenseitigen Liebe! Wer den andern liebt, hat das Gesetz erfüllt. Denn die Gebote: Du sollst nicht die Ehe brechen, du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren! und alle anderen Gebote sind in dem einen Satz zusammengefasst: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. Also ist die Liebe die Erfüllung des Gesetzes.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn dein Bruder gegen dich sündigt, dann geh und weise ihn unter vier Augen zurecht! Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder zurückgewonnen. Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei mit dir, damit die ganze Sache durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werde.
Hört er auch auf sie nicht, dann sag es der Gemeinde! Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner. Amen, ich sage euch: Alles, was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und alles, was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein.
Weiter sage ich euch: Was auch immer zwei von euch auf Erden einmütig erbitten, werden sie von meinem himmlischen Vater erhalten. Denn wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.
Kommt, lasst uns jubeln dem Herrn,
jauchzen dem Fels unsres Heiles!
Lasst uns mit Dank seinem Angesicht nahen,
ihm jauchzen mit Liedern!
Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen,
lasst uns niederknien vor dem Herrn, unserm Schöpfer!
Denn er ist unser Gott,
wir sind das Volk seiner Weide,
die Herde, von seiner Hand geführt.
Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!
Verhärtet euer Herz nicht wie in Meríba,
wie in der Wüste am Tag von Massa!
Dort haben eure Väter mich versucht,
sie stellten mich auf die Probe und hatten doch mein Tun gesehen.
Man kennt es: Manche Sätze gehören zum Inventar der geflügelten Worte. So auch hier, wenn Paulus schreibt: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Klar, das ist logisch, richtig und populär. Jesus hat dazu ein wundervolles Gleichnis gesprochen. Es ist das biblische Gebot der Nächstenliebe. Weithin unbekannt ist aber, dass uns diese Worte bereits im Ersten Testament begegnen, im Buch Levitikus, wo es im 19. Kapitel auf Hebräisch heißt: „we-ahavta le-reacha kamocha“.
Eigentlich wäre grammatikalisch klarer ins Deutsche übertragen: „Und du wirst deinen Nächsten/Nachbarn lieben, er ist wie du.“ Mir gefällt das, denn hier wird mir etwas zugetraut. Nicht das „du sollst“, sondern „du wirst“ wird vordergründig. Mir wird hier zugetraut, dass ich lieben werde. Die Sprache der Zukunft ist verheißungsvoll. Ein Zweites: Das Gebot hebt auf die zwischenmenschliche Dimension ab, um so die Beziehung in der Gemeinschaft zu regeln.
Genau genommen geht es nicht um eine universelle Menschenliebe. Ich muss nicht alle liebhaben. Der Akzent ist darauf gelegt, dass ich innerhalb einer Gemeinschaft, in der Interessen kollidieren und folglich mit Konflikten zu rechnen ist, die Probleme zivilisiert löse. Möglichst so, dass keine bleibenden Schäden zustande kommen. Das greift Paulus auf: Wo Menschen zusammenleben, entstehen Konflikte. Niemand kommt ohne Enttäuschungen oder Verletzungen aus. Nächstenliebe bedeutet deshalb nicht, jeden Menschen sympathisch zu finden. Sie zeigt sich vielmehr darin, den anderen trotz aller Unterschiede nicht herabzusetzen, zu verletzen oder auszugrenzen. Liebe bewährt sich gerade dort, wo Zusammenleben schwierig wird.

Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen