Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen
Es war im Jahr 1974: Der 16-jährige Elektrikerlehrling Walter Dokter aus Reiteregg ist fasziniert von den Osterkreuzen, die in manchen steirischen Gemeinden in der Osternacht zum Brennen gebracht werden. Er baut selbst ein Kreuz aus einer Bohnenstange, umwickelt es mit ölgetränkten Stofffetzen und zündet diese zu Ostern an. „Das hat etwa eine halbe Stunde lang gebrannt“, erinnert er sich 52 Jahre später. „Als Lehrling dachte ich mir: Elektrisch wäre es doch besser. Das kann die ganze Nacht brennen!“ Im Jahr darauf stellte er neben seinem Elternhaus ein Osterkreuz aus Holz auf und ließ Glühbirnen daran leuchten. Seither gestaltete er jedes Jahr eine neue Beleuchtung für das Osterkreuz. Einmal hatte sie die Form einer Monstranz, einmal die eines Kelchs – immer griff sie ein österliches Motiv auf. Rekordkreuze gab es im Jahr 2000 und zum 50-Jahr-Jubiläum der Reiteregger Osterkreuze. „Die Holzkreuze sind 10 bis 15 Meter hoch. Zu den besonderen Anlässen baute ich Kreuze mit 20 Metern Höhe.“ Ob 10 oder 20 Meter – alleine aufstellen kann Walter Dokter die Kreuze nicht. „Am Karsamstag kommt der Ort zusammen und es gibt ein gemeinsames Osterkreuz-Aufstellen“, schildert der rüstige Pensionist das Ritual in Reiteregg.
Fast drei Jahrzehnte nach dem ersten Reiteregger Osterkreuz wollte Walter Dokter noch mehr verwirklichen. In ihm reifte die Idee einer Kapelle. Und als er die Idee mit anderen besprach, ermutigten sie ihn. „Der Mann einer Arbeitskollegin meiner Frau war Baumeister. Der sagte: Weißt du was? Da machen wir etwas Gescheites!“ So entwickelten sie Pläne und ließen sie bewilligen. 2004 begann Walter Dokter eigenhändig, die elektrische Leitung von seinem Einfamilienhaus zum Grundstück der zukünftigen Kapelle zu verlegen. Der Kapellengrund liegt gute 100 Meter entfernt vom Wohnhaus von Walter und Anita Dokter, unmittelbar neben Walter Dokters Elternhaus. „Hier wurde ich geboren, nicht im Krankenhaus“, erzählt der Kapellenerbauer stolz. Mit der Großfamilie war alles abgesprochen. Die Mutter und die drei Brüder stimmten dem Kapellenbau zu. „Damals war die Welt noch in Ordnung“, meint Walter Dokter gedankenversunken. Die vier bunten Glasfenster der Osterkreuzkapelle wurden von den vier Dokter-Brüdern gestiftet. Den Großteil der Bausumme brachten Walter und Anita Dokter selbst auf.
In einer dicken Mappe hat Walter Dokter die Entstehung und mittlerweile 22-jährige Geschichte der Osterkreuzkapelle dokumentiert. Als er mit dem Bau im Jahr 2004 begann, rechnete er mit einem 10-Jahres-Projekt. „Doch nach zwei Jahren Bauzeit, bereits im Jahr 2005, konnten wir sie einweihen!“ Das war einerseits der Umsetzungskraft des Erbauers selbst zu verdanken, andererseits vielen weiteren Menschen, die sich meldeten, weil sie etwas zum Kapellenbau beitragen wollten. „Ich bin nie sammeln gegangen“, darauf legt der Elektriker wert. Wer sich beim Bau der Kapelle einbringen wollte, kam von sich aus auf Walter Dokter zu. Manche spendeten einen Geldbetrag, andere halfen bei den Malerarbeiten oder stifteten zum Beispiel eine Statue oder Ausstattung. „Die alte Pietà hat eine Geschichte. Sie gehörte einer Frau aus der Umgebung. Doch die Besitzerin war überzeugt, dass ihr die Statue Unglück brachte. Ihr Mann und ihr Sohn waren verstorben. So wünschte sich die Frau einen geweihten Ort für die Marienstatue, „damit diese kein Unheil mehr anrichten konnte“. So kam die Pietà in die Osterkreuzkapelle. Davor waren aber noch ganz andere Dinge nötig. „Ohne einen Nachbarn, der zu Baubeginn gerade als Maurer in Pension gegangen war, hätte ich das nicht geschafft.“ Ein befreundeter Tischler schuf Holzarbeiten wie die Kapellentür. Die Ölmühle Birnstingl stiftete die Turmuhr. „Dass sie 42 cm Durchmesser hat, habe ich mir als Marathonläufer gewünscht, weil ein Marathon 42 km lang ist.“ Zur Einweihung der Kapelle am Nationalfeiertag 2005 spendete ein Buschenschank ein Kapellenmodell als Torte!
Um den Guss der Turmglocke mitzuerleben, fuhr Walter Dokter nach Passau. „Das ist wie eine Kindstaufe“, kommt er ins Schwärmen. In einem Stadl mit Lehmboden zog sich der Glockengießer einen Mantel als Hitzeschutz an. „Als er das Vaterunser gebetet hat, bevor er die Glocke goss, bekam ich eine Gänsehaut.“ Heute schlägt die Glocke vollautomatisch – von 6 bis 22 Uhr stündlich, und drei Mal am Tag läutet sie zum Engel des Herrn.
Da die Kapelle der hl. Anna geweiht ist, gibt es zum Patrozinium am 26. Juli eine heilige Messe mit P. Joseph Krčmar vom Stift Rein.
Die häufigsten Gottesdienste in der Osterkreuzkapelle sind aber Taufen. Etwas lastet dem engagierten Erbauer dennoch auf der Seele: ein später entfachter Nachbarschaftsstreit. Den Parkplatz bei der Kapelle darf seither niemand nützen. Walter Dokters größter Wunsch ist nun, den Streit endlich beilegen zu können.
erbaut von Walter Dokter und Helfern
eingeweiht am 26. Oktober 2005
der heiligen Anna geweiht
in Reiteregg, St. Bartholomä, Steiermark
Die Bundeshymne lobt Österreich als Land der Dome. Österreich ist aber auch ein Land der Kapellen, Bildstöcke und Wegkreuze. Die privaten „Gotteshäuschen“ bestehen nur, weil Menschen sie hegen und pflegen. Warum sie das tun, erzählt die 6-teilige Sommerserie der österreichischen Kirchenzeitungen.

Lukas Pallitsch, Dr., PhD, ist Universitätsassistent (post-doc) am Institut für Religionspädagogik und Katechetik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Beauftragter der Diözese Eisenstadt für den christlich-jüdischen

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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