Der Fahrlehrer sass mit der Stoppuhr neben dem Fahrschüler und brachte diesen zum Schwitzen. Heute tunt das die Kinder auf den Rücksitzen, ganz ohne Stoppuhr. Ein Unter Uns von Paul Stütz.
Ausgabe: 2014/03
15.01.2014
- Paul Stütz
Als ich mit 18 meinen Führerschein machte, überraschte mich mein Lehrer in einer Stunde, als er eine Stoppuhr aus seiner Tasche zog. Er maß die Zeit, die ich brauchte, um vom 1. bis zum 5. Gang durchzuschalten. Immer wieder, bis ich schweißgebadet und den Tränen nahe war. „29 Sekunden, das muss schneller gehen. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft“, bellte der Fahrlehrer. Er war gebürtiger Ungar und arbeitete sein Kommunismustrauma Ende der Neunziger in zig Fahrschulstunden ab. Manchmal schüttelte er seinen Kopf und sagte Dinge wie: „Sie ruinieren Auto. Reparatur kostet 2.000 Schilling.“ Wie er genau auf den Betrag kam – bei einem Schaden, der noch gar nicht eingetreten war – blieb mir rätselhaft. Er mochte mich nicht, so viel war klar. An den Ungar muss ich denken, wenn meine Kinder beim Autofahren ungeduldig ihre Befehle durch das Auto rufen. Ich reiche ihnen mit der einen Hand die Trinkflaschen und Milchbrötchen zurück, lenke mit der anderen, kümmere mich um ihre Musikwünsche. Während ich auf Wunsch der Kinder lauter stelle, die Essensreste aus der Hose wische, denke ich mir, vielleicht wollte mich der Ungar ja auch auf so was vorbereiten. „Schneller, Papa, schneller“, feuern mich die Kinder an. Eine Stoppuhr brauchen die gar nicht, um mich zum Schwitzen zu bringen.