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Was wohl aus dem Mann geworden ist?

Ebensee: Ein besonderes Wiedersehen nach 54 Jahren
Ausgabe: 1999/27, Ebensee, Laine, Loidl, KZ
06.07.1999
- Reinhard Hörmandinger
Im Juni traf ein ehemaliger KZ-Häftling eine Ebenseerin, die ihm vor 54 Jahren den Glauben an die Menschheit wiedergeschenkt hat.Die Geschichte begann am 7. Mai 1945, einen Tag nach der Befreiung des KZ-Nebenlagers Ebensee durch die Amerikaner. Der junge Franzose Roger Laine erlebte die ersten Stunden als freier Mann außerhalb der Lagermauern, wo es gleich zu einer Begegnung kam, die er sein Leben lang nicht vergaß.

Laine erzählt: „Ich habe das KZ-Lager verlassen und folgte in einiger Entfernung einer Gruppe von russischen Häftlingen. Stumpfsinnig bin ich einen bewaldeten Hügel hinaufgeklettert. Beim Hinuntergehen sah ich ein kleines Haus, eine Frau, die sich mit Gesten mit mir verständigt hat. Sie hat mir einen Brotsack, eine Umhängetasche aus Stoff, den ich am selben Tag gefunden habe, geflickt. Am Abend kehrte ich ins Lager zurück. Ein weiteres Verlassen war wegen meines schlechten Zustands nicht möglich.“

Diese scheinbar kleine Begebenheit prägte sich tief in sein Ge-dächtnis ein, denn „es war die erste menschliche Geste seit meiner Einkerkerung. Ich war 19 Jahre alt“.Am 24. Mai 1945 trat Roger Laine, geschwächt durch die unvorstellbaren Bedingungen im Konzentrationslager und abgemagert auf 30 kg, seine Heimreise nach Frankreich an.Bei späteren Besuchen in Ebensee suchte er immer wieder nach der unbekannten Wohltäterin – vergeblich.

Beinahe das Leben gekostet


Als Mitglied einer französischen Delegation ehemaliger KZ-Häftlinge und deren Familien, kam er vor zwei Jahren wieder an jenen Ort zurück, wo ihm als jungen Mann das menschenverachtende System des Nationalsozialismus beinahe das Leben gekostet hätte.Bei einem Besuch am KZ-Friedhof und in den Stollenlagern erzählte er einer Mitarbeiterin des Widerstandsmuseums Ebensee von der Begebenheit im Mai 1945 und daß es ihm sehr viel bedeuten würde zu erfahren, wer denn diese Frau war und daß er sie unbedingt kennenlernen möchte.Einige Wochen nach einem Aufruf in der Ebenseer Gemeindezeitung erschien zur Überraschung und Freude aller eine ältere Frau im Widerstandsmuseum und stellte sich als jene Frau vor, die dem französischen KZ-Häftling den Brotsack genäht hat.

Vom Bruder überredet


Josefa Loidl hatte sich in ihrer Bescheidenheit auf den Aufruf hin nicht gemeldet und konnte erst vom Bruder dazu überredet werden.Auch sie kann sich genau an diesen 7. Mai 1945 erinnern: „Einen Tag nach der Befreiung kam ein völlig abgemagerter und entkräfteter junger Mann, der sich wegen der Sprachbarriere nur mit Gesten verständigen konnte. Er bat mich, ob ich ihm nicht einen kurz zuvor gefundenen Brotsack flicken könnte.“Da ihr Haus unweit vom Zaun des ehemaligen Konzentrationslagers stand, wußte sie vom unvorstellbaren Leid der Gefangenen. Josefa Loidl: „Hilflos und von den Bewachern bedroht, mußten wir Tag für Tag mitansehen, welche Torturen und Grausamkeiten die Lagerinsassen erleiden mußten“.Viele befreite KZ-Häftlinge sind in der Folge noch zu ihr gekommen und haben um Hilfe gebeten. Doch die erste Begegnung mit einem dieser KZ-Insassen, dessen Namen sie nicht kannte, prägte sich in ihr Gedächtnis ein. „Ich habe Zeit meines Lebens daran gedacht, was wohl aus dem jungen Mann geworden ist.“

Wiedersehen gefeiert


Nachdem sich Josefa Loidl gemeldet hatte, begann ein reger und sehr berührender Briefwechsel. Doch aufgrund einer Erkrankung dauerte es noch fast zwei Jahre, bis sich der Lebenswunsch von Roger Laine erfüllte und er jene Frau treffen konnte, die ihm durch ihre kleine Geste der Hilfe das verlorengeglaubte Gefühl von Menschlichkeit schenkte.Am 13. Juni 1999 war es nach mehr als einem halben Jahrhundert soweit. Mit dem Wiedersehen fand eine kleine, menschliche Episode einen tiefbewegenden Abschluß.
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