Ältere werden sich an den Geschichtsunterricht so erinnern: Wer von wann bis wann an der Macht war und welche Kriege er in dieser Zeit geführt hat. Geschichte, das waren die Geschichten um Macht und Krieg. Wer die Kriege in seiner Zeit gewonnen hat, ging in die Geschichte ein.
Europa, vergiss deine Geschichte nicht!“ Mit diesem Appell stellte Papst Johannes Paul II. am Samstag sein Schreiben „Kirche in Europa“ vor. Was er damit meint, wird in diesen Tagen vor Italiens Küste deutlich. Woche für Woche ertrinken Flüchtlinge, weil ihre unzulänglichen Schiffe gekentert sind. Die italienische Lega Nord und ihr Chef Umberto Bossi treten für den Einsatz von Kriegsschiffen gegen Flüchtlinge ein. Die Katholische Kirche Italiens und der Papst haben hingegen aufgerufen, die Flüchtlinge aufzunehmen. „Das menschliche Leben ist heilig“, betonte Erzbischof Agostino Marchetto, der Sekretär des Päpstlichen Migrantenrates. Vielmehr sei es eine christliche Verpflichtung, denjenigen zu helfen, die leiden.
Die Geschichte Europas nicht mit den Augen der Sieger zu betrachten, sondern im Blick auf die Leidenden, das ist das „Christliche“ an der Geschichte Europas. Friede meint dann nicht, Ruhe zu haben vor Flüchtlingen und Armen jeder Art. Er hat das Wohl aller im Sinn. In Geschichtsbüchern liest man wenig von dieser Geschichte Europas, in Heiligenbüchern schon mehr. Doch die meisten dieser Geschichten hat niemand aufgeschrieben.