Nur Vergebung kann die Wunden der Vergangenheit heilen, schrieben die chilenischen Bischöfe zum 30. Jahrestag des Militärputsches. Sie meinen damit aber nicht, dass man unter die Vergangenheit, die Jahre der grausamen Militärdiktatur des General Augusto Pinochet, einen Schlussstrich ziehen soll. Sie fordern die Regierung dazu auf, die Wahrheit über die Verbrechen endlich vollständig und schonungslos ans Licht zu bringen. Noch immer warten Tausende Familien auf Aufklärung über das Schicksal ihrer ver-schwundenen Angehörigen. Noch immer hat das chilenische Volk die Wahrheit über die Rolle der USA beim Putsch und der anschließenden Diktatur nicht erfahren. Und noch immer kein Wort des Bedauerns aus Washington. Die Zeit heilt viele Wunden, heißt es. Aber wir wissen auch aus dem persönlichen Bereich, dass dort, wo die Wahrheit nicht eingestanden wird, eine echte, aus ganzem Herzen kommende Vergebung nicht möglich wird. Die Wunden vernarben nur oberflächlich und der Eiter der Zerstörung frisst weiter. Menschen, denen Unrecht geschehen ist, haben auch ein Recht darauf, dass das Unrecht als solches bezeichnet wird. Auch für den Täter wird Vergebung erst dann zum Geschenk, das einen Neuanfang ermöglicht, wenn er keine „Leichen mehr im Keller“ hat. Das verzeihende Ja ist auch für ihn nur dann etwas wert, wenn es ihm vom Opfer aus Kenntnis der Wahrheit zugesprochen wird. Versöhnung ist eines der Anliegen des Mitteleuropäischen Katholikentages. Für die Völker wie für jeden einzelnen ist das eine der größten und schwierigsten Herausforderungen. Sie verlangt den Mut zur Wahrheit und den mindestens so großen Mut, die Hand auszustrecken.