Ausgabe: 2011/15, Caritas, Haussammlung, Mühlberger, Recht, Verantwortung, Spenden, Kirche, Not
14.04.2011
- Ernst Gansinger
Das Recht auf das Nötige zum Leben heißt nicht, dass es bedingungslos ist: Jeder Mensch ist auch für sich selber verantwortlich. Erst wo die Kräfte nicht reichen, ist das Gemeinwesen verpflichtet.
Mit Caritas OÖ-Direktor Mathias Mühlberger sprach Ernst Gansinger
Wie entwickeln sich die Spenden der Caritas? Mathias Mühlberger: Die großen Katastrophen in Haiti und Pakistan haben letztes Jahr zu einem starken Anstieg der Spenden geführt. 2,7 Millionen gaben die Oberösterreicher/innen für die Katastrophenhilfe! Das Spendenaufkommen ohne Katastrophenhilfe ist von 6,2 auf 6,6 Millionen gestiegen.
Was ist der Anteil der Haussammlung? 38 Prozent dieser 6,6 Millionen Euro kommen aus der Haussammlung. Sie ist eine Säule unserer Spenden-Einnahmen. Die 7000 Haussammler/innen, die sich auf den Weg machen, um für andere etwas zu tun, verbringen eine soziale Großtat. Sie sammeln nicht nur, sie pflegen Kontakt in einer Zeit, von der unsere Altenpflegerinnen feststellen, dass Vereinsamung und Verwahrlosung massiv zunehmen.
In welcher Not sind die Menschen, die Unterstützung bei der Caritas suchen? Wir hatten vergangenes Jahr 13.300 Hilfskontakte. Gestiegene Wohnungs- und Energiekosten sind Anlass für viele dieser Kontakte. Wir brauchen einen Diskurs über die Architektur des Sozialstaates. In diese Debatte sind alle großen Themen aufzunehmen: Pflege, Bildung, Schule, Transferleistungen. Seit Jahren sagt die Caritas: Es wird schwieriger! Gibt es denn nicht auch Entlastungen?Anerkennen muss man, dass durch Maßnahmen und die wirtschaftliche Entwicklung Langzeitarbeitslose weniger werden. Das ist für die betroffenen Familien eine Riesen-Entlastung. Anzuerkennen ist auch, dass es viel dramatischer aussehen würde, gäbe es nicht eine ganze Reihe von Transferleistungen.
Was sind die dicken Brocken? 146.000 Menschen in Oberösterreich leben an der Armutsgrenze oder in Armut, akut armutsgefährdet sind die Hälfte, vor allem auch Alleinerziehende, Mehrkindfamilien. Da hat sich nichts geändet. Auch bei Armut und Bildung hat sich nichts geändert. Die Einkommens- und Vermögensentwicklung geht weiter auseinander. Verteilungsgerechtigkeit muss ein Ziel sein.
Die Kirche ist herausgefordert – diese Sicht legt das Ökumenische Sozialwort nahe. Könnte das mit Blick auf die Wohnungsnot bedeuten: Vermehrt leer stehende Pfarrhöfe öffnen? Es gibt Vermietungen an sozial schwache Menschen. In vielen Pfarrgemeinden ist ein Gespür da, dass man nicht nur darauf achtet, bei Vermietungen höchste Einnahmen zu erzielen, sondern auch auf soziale Verantwortung schaut.
Caritas ist ein Standbein der Kirche. Ist es ein gut gepflegtes Standbein? In 88 Prozent der Pfarren gibt es Caritas-Ausschüsse oder mit Caritas-Aufgaben Beauftragte. Das ist nicht selbstverständlich. Es ist eine gemeinsame Aufgabe in der Kirche, darauf zu achten, dass die Caritas-Ausschüsse in den Pfarren leben. Das heißt, dass sie wirken.
Was kann die Kirche angesichts der Vereinsamung und Verwahrlosung alter Menschen tun? Es ist gut und wichtig, dass die Besuchsdienste in Altenheimen und Krankenhäusern wieder erstarken. Sie müssten jetzt auf die privaten Wohnungen hin entwickelt werden. Ich weiß, dass da sehr viel Ungesehenes geleistet wird, und habe Hochachtung vor diesem Engagement.
Und kümmern wir uns auch um Menschen, die verschuldet in Not geraten sind? Das ist eine dauernde Herausforderung. Ich kann es an mir selber feststellen: Auf Menschen zuzugehen, an denen man sonst vorbeigeht, fällt mir immer noch schwer. Ich habe unlängst mit einer Frau gesprochen, die einen 92-Jährigen betreut und nur Schimpf bekommt. Das auszuhalten und zu sagen, ich gehe wieder hin, das ist gelebtes Christentum. Im Evangelium steht: Gerade darauf kommt es an!