Prof. Rupert Vierlinger hat viele Stationen Lehrerleben hinter sich. 79-jährig blickt er auf diese Stationen in einem neuen Buch zurück. Er schreibt von seinem Reformdrängen und vom erlebten Widerstand gegen Reformen, vom Unsinn der Noten und vom Sinn einer gemeinsamen Schule der 10- bis 14-Jährigen.
Was ist ein guter Lehrer/eine gute Lehrerin? Prof. Rupert Vierlinger: Ein guter Lehrer mag die Kinder. Mit Lust erklärt er die Welt und sieht sich als Trainer, nicht als Richter.
Sie schreiben: „Bürokratie und Pädagogik denken ganz unterschiedlich.“ Vierlinger: Die formale Organisation der Bürokratie legt soziale Distanz nahe. Erziehen, aber ist auf emotional gestützte Identifikation angewiesen. Der Bürokrat lebt im Geiste institutionalisierten Misstrauens; der Erzieher istauf risikoreiches Vertrauen angewiesen.
„Noten sind schlecht“, sagen Sie. Warum? Vierlinger: Erstens können sie nicht objektiv sein, weil wir Lehrer, wie alle anderen Menschen, unsere subjektiven Maßstäbe haben. Zweitens wird beim System der Ziffernoten der Einzelne immer am Kollektiv gemessen. Der Viererkandidat lernt doch im Laufe des Schuljahres auch etwas dazu. Verglichen mit den anderen, aber bleibt er Viererkandidat. Die Alternative ist die „Direkte Leistungsvorlage“. – Der Schüler legt der weiterführenden Schule, der gewünschten Firma etc. Belegstücke seiner Leistungen vor: Rechnungen, Aufsätze, Projektberichte, Leselisten, Zeichnungen etc. Diese entscheiden über die Aufnahme. So wird der Lehrer von der Rolle des – gefürchteten – Richters befreit und schlüpft ausschließlich in die begehrte des Trainers.
Sie treten seit über 35 Jahren für eine „echte Gesamtschule“ ein, die weder Zehnjährige auf verschiedene Schultypen selektiert noch Schüler in Leistungsgruppen sortiert. Vierlinger: Wir sprechen von der Schule der 10- bis 14-Jährigen! In ihrem gemeinsamen Unterricht brauchen wir eine innere (methodische) Differenzierung, aber keine äußere. Die Schulpolitik irrt, wenn sie glaubt, den Schwächeren zu helfen, indem sie diese von den Leistungsstarken trennt und ihnen auf diese Weise die unglaublich wertvollen Vorbilder raubt.
Worin liegt der Irrtum? Da ist dann keiner mehr im Raum, der zum Beispiel einen interessanten Aufsatz schreibt oder eine elegante Lösung für ein mathematisches Problem anbietet. Da schaut sich der desinteressierte Blick des einen im desinteressierten Auge des anderen in den Spiegel und das Ergebnis ist Null Bock. Lehrer sind dann nicht selten überfordert und brennen aus.Der tiefere Grund, die echte Gesamtschule zu blockieren – wie auch die selektierenden Neuen Mittelschulen zu unterstützen – ist eher das „ständische“ Denken als die Sorge um die geistigen „Eliten“. Dass diese in der echten Gesamtschule keine Leistungseinbußen erleiden, ist seit langem durch internationale Untersuchungen und nicht zuletzt durch die PISA-Siegerländer bewiesen.
Sie kritisieren die Selektion als ungerecht. Vierlinger: Alle Studien weisen nach, dass Selektion mindestens zu einem Drittel fehlerhaft ist. Die Selektion hat außerdem – gesamtgesellschaftlich betrachtet – eine antisoziale Sprengkraft, indem sie das frühe Lernen gegenseitiger Verantwortung behindert. Ist sie vielleicht gar Nährboden für den neoliberalistischen Finanzkapitalismus, der die Lebensgrundlagen vieler Menschen gefährdet?
Sie verweisen im Buch auf Gegner Ihrer pädagogischen Auffassungen, die von der Härte des Lebens reden und verlangen, die Schule müsse auf diese vorbereiten. Vierlinger: Wie bereiten Eltern ihre Kinder am besten darauf vor? Indem sie ein Klima schaffen, in welchem sich diese geliebt wissen und daher Ausgriffe in die Welt wagen. Gleiches gilt für die Schule. Sie soll in angstfreier Atmosphäre zur Auseinandersetzung mit interessanten, anspruchsvollen Aufgaben verlocken und hilfsbereit zur Seite stehen. Dann werden die Jugendlichen stark werden und motiviert zur Bewältigung der Lebensaufgaben.
Zur Person
Der am 12. Mai 1932 in Kasten in der Gemeinde St. Peter am Wimberg geborene Rupert Vierlinger besuchte dort die einklassige Volksschule und lernte Gesamtschulunterricht und was es ausmacht, gute Lehrer/innen zu haben, kennen. Später wurde er selbst Lehrer, schließlich der erste Direktor der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz und dann Professor für Schulpädagogik an der Uni Passau.