12.09.2017

Bewusst leben

Wir sitzen alle im selben Boot …

Seit einigen Monaten betreut Heidi Rossak zwei junge Asylwerber aus Afghanistan, Rahmat und Ezatullah. Beim gemeinsamen Deutschlernen entstand eine Vertrautheit, in der die jungen Männer offen über ihr Schicksal, aber auch über ihren Glauben an Gott erzählen.

Heidi Rossak liest mit Ezatullah (Mitte) und Rahmat (rechts). Aus dem ursprünglichen gemeinsamen Deutschlernen wurde ein Kulturaustausch. Auf diese Art werden Grenzen überwunden, für die es keine Papiere braucht.

Jeder Mensch ist einzigartig, jedes Leben ist kostbar. Und doch teilen wir Menschen in Kategorien ein: Alte und Junge, Intellektuelle und Ungebildete, Christen und Moslems, Österreicher und Ausländer, Reiche und Arme … Eine Folge von festgefahrenen Klasseneinteilungen ist, dass wir mit Leichtigkeit einen Menschen in eine Schublade aus Vorurteilen ablegen können, ohne ihn kennengelernt und ihm in die Augen geschaut zu haben. Dies geschieht manchmal bewusst und noch viel öfter unbewusst. In allem, was lebt, ist etwas Göttliches und wir alle sind dadurch miteinander verbunden. So gesehen sitzen wir alle im selben Boot.

Begleitung junger Asylwerber

Seit einigen Monaten betreue ich ehrenamtlich in meiner Heimatgemeinde Eberschwang zwei junge Asylwerber aus Afghanistan, Rahmat und Ezatullah. Als Ausgleich unterstützen mich die beiden bei der Arbeit in meinem Garten.
Als ich sie zum ersten Mal sah, spürte ich zwar sofort Sympathie, doch da lag noch mehr in der Luft bei jener Begegnung. Heute bin ich davon überzeugt, dass unser Kennenlernen eine göttliche Fügung war, die auch einen Auftrag für mich beinhalten sollte. Wir sind alle geführt. Das durfte ich durch die Gemeinschaft mit Rahmat und Ezatullah wieder erfahren. Ich bin dankbar dafür, dass ich durch die beiden meinen Horizont erweitern und mein Vertrauen ins Leben stärken konnte.

Ungewisse Zukunft

Zurzeit lebt Ezatullah in einem sehr unsicheren Status. Es droht Gefahr, dass er nach Bulgarien abgeschoben wird. Für mich ist es schwer vorstellbar, dass dieser Fall eintreffen könnte. Ich habe die beiden längst ins Herz geschlossen. Als dreifache Mutter bin ich sehr berührt von ihrem Schicksal. Ezatullah ist 22 Jahre alt, also etwas älter als mein eigener Sohn.
Wie vermutlich jeder Kriegsflüchtling hat auch Ezatullah eine traumatische Vergangenheit. Seit dem Kleinkindalter ist er Vollwaise. Beide Eltern starben bei einem Bombenangriff. Er selbst erlitt bei einer Straßensprengung durch die Taliban schwere Verletzungen und verlor im Zuge dessen sämtliche seiner Kameraden. Einmal erzählte er mir, dass es in seinem Leben, seit er sich erinnern kann, ständig laut vom Krieg war. Dabei griff er sich an seine Ohren. Erst seit einem Jahr – bei uns in Österreich – sei es ruhig. Hier hat er zum ersten Mal in seinem Leben keine Todesangst, nur mehr Angst, abgeschoben zu werden …

Gott ist für alle Menschen da

Jeder Mensch hat der Welt etwas zu geben – umso mehr, je mehr er genau das leben darf, was Gott in ihn gelegt hat. Ezatullah ist sehr geschickt im Umgang mit technischen Geräten, er spielt herzlich mit den Kindern, die in seinem Haus leben, und er hat sein strahlendes, gewinnendes Lächeln noch immer, trotz seiner Erlebnisse. Nur wenn ich ihm in seine Augen schaue, ist es mir, als blicke ich durch eine dicke Schicht aus Angst und eingefrorenen Tränen.
Einmal philosophierte ich mit Rahmat, währenddessen wir gemeinsam Unkraut jäteten, über den Glauben. „Ich glaube an den echten Gott“, meinte Rahmat: „Der wirkliche Gott ist für alle Menschen da, auf der ganzen Welt – überall.“ Und weiter: Es sei nicht gut, wenn jemand zu einem anderen sagt, dass seine Religion böse sei. Das hat mich beeindruckt: So viel Weisheit aus dem Mund eines 23-Jährigen, der sein Lebtag um sein Überleben kämpfen und dabei viele Verletzungen hinnehmen musste!

Gemeinsam lesen

Seit einiger Zeit lese ich den beiden aus der autobiografischen Geschichte „Im Meer schwimmen Krokodile“ vor, die von der Fluchterfahrung eines minderjährigen afghanischen Jungen handelt und vom italienischen Autor Fabio Geda niedergeschrieben wurde. Als mir Rahmat beim Lesen auf der zweiten Buchseite die Nachsilbe jan erklärte („Wenn meine Mutter mich sehr liebt, nennt sie mich Rahmatjan.“), spürte ich, dass dieses Vorlesen etwas werden würde, das uns gegenseitig bereichert. So erfahre ich dabei so manches über ihre Heimat und ihre bewegenden Fluchterlebnisse. Gleichzeitig können die beiden emotional auftanken und beginnen, ein Stück Vergangenheit zu heilen.


Im Meer schwimmen Krokodile. Am Mo., 23. Oktober, 19 Uhr, hält Heidi Rossak gemeinsam mit Rahmat und Ezatullah eine interaktive Lesung zu Fabio Gedas Weltbestseller im Bildungshaus St. Franziskus in Ried im Innkreis, die von Kristina Friedrich moderiert wird.

Bildquelle: Antonia Rossak

Autor/in:  Heidi Rossak

Keywords: 2017/37

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