BRIEF_KASTEN
Das Jubiläum des Linzer Mariendoms wirft ein Licht auf die Tatsache, dass die Oberösterreicher:innen ihren Dom fertiggebaut haben. Bekanntlich ist ja der Nordturm des Wiener Stephansdoms ein Torso geblieben. Doch trotz seiner Unfertigkeit ist der Wiener Dom schön. Wer weiß, ob die Kirche mit zwei Türmen zum Emblem und Werbeträger geworden wäre.
Gar nicht so selten entfaltet das Unfertige einen besonderen Charme. Franz Schubert ist nie dazu gekommen, seine achte Symphonie fertigzustellen. Dennoch ist sie viel bekannter als die fertiggestellte neunte.
Auch die Neue Burg in Wien ist ein unfertiger Bau – es hätte ein gegenüberliegender zweiter Flügel gebaut werden sollen.
Das Nicht-Fertigstellen ist sogar zu künstlerischen Ehren aufgestiegen: Der Film „Decameron“ von Pier Paolo Pasolini endet abrupt damit, dass ein Maler ein Wandgemälde mit den Worten nicht fertigmalt: „Warum ein Werk vollenden, da es doch wunderbar ist, nur von ihm zu träumen?“
Doch Vorsicht vor Verklärung: Unfertiges ist nicht automatisch ansprechend.
Die Ruine der seit 2004 nicht fertiggestellten Reha-Anlage im – das sei betont – sehr sehenswerten Obernberg am Inn versprüht nur begrenzten Charme.
Falls da nicht weitergebaut wird, hilft vielleicht Geduld: Mutter Natur erbarmt sich und verhüllt mit ihren grünen Schleiern den nackten Stahlbeton. Das hat auch irgendwie seinen Reiz.
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