Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Macht es einen Unterschied, ob der Adler oder der Gänsegeier die Fittiche ausbreitet „und ihn (Jakob) nahm und auf seinen Flügeln trug“ (vgl. Dtn 32,11)? „Ja“, erklärt Annette Jantzen. Denn nur der Gänsegeier fängt seinen einzigen Nachwuchs beim Erstflug auf und lässt ihn nicht auf die Erde fallen. Das kann beim Adler schon passieren. So sorgsam ist Gott, er stürzt dich nicht ins Verderben, will der Text den Leser:innen sagen.
Das war nur eines der konkreten Beispiele, mit der Annette Jantzen die Zuhörer:innen im Saal überraschte. Über 200 Frauen und einige Männer waren am Samstag, 31. Jänner nach Wels gekommen, um im Bildunghaus Puchberg ihren Ausführungen zuzuhören. Die Theologin hat sich als Bloggerin und Autorin einen Namen gemacht. Ihr hintergründiger, schelmischer und ermutigender Blick auf biblische Texte und katholische Traditionen hat beim Impulstag der Katholischen Frauenbewegung Oberösterreichs für Begeisterung gesorgt. Ihre Bücher, von „Buch & Segen“ im Foyer zum Verkauf angeboten, gingen weg wie warme Semmeln.
Von Gott in Bildern reden heißt sich ihm annähern. Die Bilder müssen stimmen und auch die Übersetzung des Wortes muss mit dem, was ursprünglich gemeint war, zusammenpassen.
Wörter erleben einen Bedeutungswandel: Der Geier war als Tier, das mit Leichen in Kontakt ist, unrein. Unrein meinte ursprünglich, dass jemand der Grenze zwischen Leben und Tod zu nahe gekommen war. Es bedeutet im Hebräischen nicht, dass etwas minderwertig oder schlecht ist: „Unreinheit ist ansteckend, aber nichts Sündiges“, erklärte Jantzen, die fließend Hebräisch spricht. Eine (Ab-)Wertung passierte erst Jahrhunderte später in der griechischen Antike: Alles, was unrein war, wurde abgewertet – genauso wie alles Weibliche. Und aus dem Gänsegeier wurde, weil als Bild für Gott nicht mehr angemessen, der Adler.
Viele Bilder von Gott sind uns vertraut: Gott der Vater, Bruder, Herr, Hirte, König, Herrscher. Das prägt sich ein, das wird zur Norm. Doch Gott ist mehr als Herr: Er ist im Säuseln des Windes, ist wie eine Mutter oder eine Hebamme, zeigt ein Blick in die hebräische Bibel (AT). Gott ist immer mehr als die Bilder, die wir von ihm haben. Neue Bilder zu entdecken, die wie ein Mosaiksteinchen die Schönheit Gottes wiedergeben, ohne selbst als Teilchen Gott ganz darzustellen, dazu lädt die Theologin in ihrem Blog „Gotteswort, weiblich“ ein. Denn die Norm wird unsichtbar, prägt aber unser Denken und Reden von Gott und den Menschen. Männliche Gottesbilder sind für die 1978 geborene katholische Theologin, die in Bonn, Jerusalem, Tübingen und Strasbourg studiert hat, vollkommen in Ordnung, sofern sie nicht ausschließlich oder wortwörtlich verwendet werden. Dasselbe gilt für sie auch für weibliche und alle anderen Gottesbilder.
Es sind nicht nur Frauen, die sich mit rein männlichen Zuschreibungen Gottes schwertun: „Wo komme ich da mit meiner Lebenswirklichkeit vor?“, fragen sich manche – dies gilt für biblische Texte genauso wie für die liturgische Sprache, die Menschen oft nicht mehr erreicht.
„Wenn das göttliche Gegenüber ausschließlich in männlichen Bildern geglaubt und angesprochen wird, dann ist dieses Gegenüber für alle weniger zugänglich, die selber nicht männlich sind. Das Eigene wird zudem auf- oder abgewertet, je nachdem, ob es als Attribut Gottes vorgestellt wird oder nicht. Oder anders: Wie wir von Gott sprechen, prägt auch, wie wir von Menschen denken“, führt Jantzen in ihrem Buch „Gotteswort, weiblich“ näher aus. Hier den Blick zu weiten, zeigt die Größe Gottes, die alles Denken, alle Bilder immer wieder übersteigt. Das hat auch das Laterankonzil schon in den Jahren 1213–1215 festgehalten, weist Jantzen hin: „Zwischen Schöpfer und Geschöpf läßt sich keine so große Ähnlichkeit feststellen, dass zwischen ihnen nicht noch eine größere Unähnlichkeit festzustellen wäre.“ Übersetzt heißt das: Wir sind Gott immer unähnlicher als ähnlich, kein Bild wird ihm ganz gerecht.
Auch die vorgeschriebenen Lesungen für Gottesdienste geben der Herzblut-Theologin Jantzen immer wieder Anlass, auf die hebräischen Originaltexte zurückzugreifen. Von den über 60 Frauen mit nennenswerter Geschichte im Alten Testament werden bei den Sonntagslesungen fast alle weggelassen. Wochentags wird zwar ein Drittel davon erwähnt, jedoch sind beinahe alle Texte aus dem Kontext gerissen oder die Frauen wurden fein säuberlich „herausseziert“. Durch die Leseordnung wirkt die Bibel wie eine Geschichte von Männern mit einem männlichen Gott. „Das ist sie aber nicht“, sagt Jantzen. Die Bibel sei so viel reichhaltiger als die Leseordnung.
Jantzen ermunterte die Zuhörerinnen zu Veränderungen. „Lest was anderes, Schwestern!“, lautete ihre Botschaft und sie meint damit zum Beispiel Schrifttexte in gerechter Sprache, ausgewählt aus Leseordnungen mit Frauentexten. In der Diözese Linz bietet dazu die Frauenkommission, die vom kürzlich verstorbenen Bischof Maximilian Aichern ins Leben gerufen worden ist, bis heute eigene Texte an: etwa einen Alternativleseplan und eigene Gebetshefte. „Es ist schon schockierend, wie viel bei der Bibelübersetzung vom Hebräischen ins Deutsche verloren gegangen ist. Doch: Veränderung ist möglich und macht Spaß – das nehme ich mir besonders mit“, meinte Christa Steinbüchler, stellvertretende Vorsitzende der kfb oö. Und damit ist sie nicht alleine, wie die Rückmeldungen zur Veranstaltung zeigten.
Buchtipp: Annette Jantzen, Gotteswort, weiblich, Wie heute zu Gott sprechen? Gebete, Psalmen und Lieder, Herder 2022,
€ 16,50
Zum Foto: Hulda, Junia, Hagar, Sara, Nympha ... sind Frauen, die in der Bibel mit ihren Lebensgeschichten oder als Adressatinnen von Briefen namentlich erwähnt werden. Neueste Forschungen haben im zweiten Johannesbrief eine konkrete Frau namens Eklekte entdeckt. Die wiederentdeckten Frauen in der Bibel legen den Schluss nahe, dass diese Frauen eine aktive und leitende Rolle in den frühen christlichen Gemeinden hatten, wie erst kürzlich die Katholische Presseagentur berichtete.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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