Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Und umso näher an Gott? Oder ist dieser Gott nicht längst tot, erstickt zwischen Einkaufswagen und Müllbergen? Untergegangen zwischen Klicks? Gott ist tot, es leben die Götzen?!
Nein, so ist es nicht. „Nicht Gott ist tot. Tot ist der Mensch, dem sich Gott offenbarte“, schreibt der Philosoph Byung-Chul Han in seinem neuesten Buch „Über Gott reden“. Ich denke, er hat recht.
Nicht Gott ist tot, sondern wir Menschen sind abgestumpft. Taub geworden vom permanenten Marktgeschrei. Ferngesteuert von Smartphones, Apps und Algorithmen, die darauf abzielen, uns süchtig zu machen nach dem nächsten Dopamin-Kick. Unser Belohnungszentrum im Gehirn braucht den Like, den Smiley, die Follower. Schnell noch mal schauen, schnell noch vergleichen, schnell noch die Nachrichten checken.
Nicht Gott ist tot. Tot sind eventuell wir Menschen. Gefühllos, klick- und konsumgesteuert. Zugemüllt von Lügen und der Sprache des Hasses, werden wir taub und blind für das Wort des Lebens.
Aber vielleicht ist nicht alles verloren! Wenn Gott nicht tot ist, gibt es Hoffnung auch für das härteste menschliche Herz. „Die Stille ist die Hebamme des Neuen“, so Byung-Chul Han. Im stillen Blick, in der tiefen Aufmerksamkeit beginnt das neue Leben. Für die Mystikerin Simone Weil ist es dieser Blick, die nackte Aufmerksamkeit, das einfache Dasein und Schauen, das uns rettet. Eine Aufmerksamkeit, die den Weg zum Frieden öffnet. Schweigend.
In der Stille verändert sich die Welt für immer. Ein Neuanfang ohne Worte. Paul Gerhardt schrieb im 17. Jahrhundert Worte der stillen Anbetung des neugeborenen Jesuskindes: „Ich sehe dich mit Freuden an und kann mich nicht satt sehen; und weil ich nun nichts weiter kann, bleib ich anbetend stehen.“ Gott lebt – und wartet auf uns, um uns zum Leben zu führen.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
Jetzt die KIRCHENZEITUNG 4 Wochen lang kostenlos kennen lernen. Abo endet automatisch. >>