Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
„Du kommst aber nicht aus Oberösterreich!“ Dieser Satz reicht oft für eine erste geografische Einordnung eines Menschen, der einem unbekannt ist. Und nicht selten werden solche Zuschreibungen auch aufgrund des Dialekts gemacht. Mit der Sprache vermitteln wir Zugehörigkeit, aber ebenso Einstellungen, Wertehaltungen und Beziehungen. Was wichtig ist, erschließt sich durch die Sprache. Und wofür wir keine Sprache haben, das verschwindet aus unserem Bewusstsein, aus unserem Leben.
In unserer Gesellschaft wird viel kommuniziert. Es ist eine echte Wortinflation feststellbar, befeuert durch den digitalen Raum, die sozialen Medien, das Internet. Der Linzer Wirtschaftsinformatiker Hermann Sikora hat unlängst eingeworfen, dass der Mensch im Kommunikationsraum Internet immer überflüssiger wird. Er wird unterhalten, es zählen lediglich Geschäftsmodelle mit mehr Reichweite, Verweildauer und Klicks. Wirkliche Begegnung finde aber selten statt. Das Internet sei vor allem eine unpersönliche Inhaltsmaschinerie, aber kein sozialer Raum.
Dem Passauer Bischof Stefan Oster ist zuzustimmen, wenn er meint: „Wir ahnen ja, dass der fortwährende Aufenthalt auf der digitalen Oberfläche uns insgesamt nicht reifer macht, nicht beziehungsfähiger, nicht wahrhaftiger.“ Eher sei das Gegenteil der Fall: „Wir verlieren den konkreten Kontakt mit dem anderen, wir lernen nicht mehr, wie das geht, mit dem einzelnen Menschen wirklich Beziehung zu leben, das Herz zu öffnen, Konflikte zu bewältigen, tiefe Freude zu empfinden, Vertrauen aufzubauen, Verletzungen zu ertragen und so vieles mehr.“
Gerade die Fastenzeit ist eine bewusst gesetzte Zeit der Unterbrechung des Alltäglichen. Sie kann dafür genutzt werden, sich um echte Begegnungen und um die Gesprächsfähigkeit zu bemühen. Wer innehält und sich unterbrechen lässt, gewinnt die oft nötige Distanz zu sich selbst und dadurch mehr Klarheit. Es tut gut, sich seiner eigenen Kommunikationsgewohnheiten und Eigenarten, seiner Stärken und Schwächen zu vergewissern: Höre ich aufmerksam zu? Welche Muster und Vorurteile finden sich in mir selbst? Welche Emotionen kommen bei mir hoch? Wie und wo reden wir (noch) miteinander? Wie bleiben wir berührbar und persönlich ansprechbar? Welche Haltungen sind da förderlich?
Der emeritierte Erfurter Bischof Joachim Wanke hat die Werke der Barmherzigkeit in die Gegenwart übersetzt. Es sind Worte und Haltungen, die Brücken bauen, Freiräume eröffnen, aufatmen lassen, Menschen zueinander führen, Abgründe der Angst und der Fremdheit überwinden können.
Eine oft geäußerte Bitte von älteren, aber auch jungen Leuten lautet: „Hab doch einmal etwas Zeit für mich!“; „Ich bin so allein!“; „Niemand hört mir zu!“ Zeit haben und zuhören können ist paradoxerweise gerade im Zeitalter technisch perfekter, hochmoderner Kommunikation so dringlich wie nie zuvor! Vielleicht ist es gut, an das wichtigste Möbelstück in einem familiären Zuhause zu erinnern: an den gemeinsamen Tisch, an dem gegessen, gestritten, gespielt, miteinander gesprochen wird.
In den Begegnungen Jesu mit Menschen oder auch in Begegnungen, von denen er bildhaft in seinen Gleichnissen erzählt, steht die jeweilige Person mit ihrer Würde im Mittelpunkt. Nicht Anerkennung, Leistung oder Lebenswerk sind die entscheidenden Kriterien. Der Mensch soll auch nicht einfach an dem festgemacht werden, was er getan hat. Er soll vielmehr um seiner selbst willen menschliche Wertschätzung erfahren.
Friede erwächst aus einem Klima des guten Umgangs miteinander. Jede und jeder hat bereits erfahren, wie vorteilhaft es sich auswirkt, wenn es in einem Gespräch, einer Sitzung, einer Besprechung Leute gibt, die zunächst einmal das Gute und Positive am anderen, an einem Sachverhalt, an einer Herausforderung sehen. Natürlich: Man muss auch manchmal den Finger auf Wunden legen, Kritik üben und Widerstand anmelden. Im Zentrum sollte aber gerade dabei die Wertschätzung der anderen Person stehen – ein grundlegendes Wohlwollen für sie und ihre Anliegen sowie die Achtung ihrer Würde. Dankbarkeit und Lob wirken Wunder. Das gilt für Kinder, die sonst nicht daran wachsen können, das gilt für eine gelungene Arbeit und ein gutes Essen. Das hören Frauen wie Männer gern. Gerade Jugendliche sollen es immer wieder erfahren, wenn positiv über sie gedacht und geredet wird.
Wer für andere betet, schaut auf sie mit anderen Augen. Er begegnet ihnen anders. Auch Nichtchristen sind dankbar, wenn für sie gebetet wird. Ein Ort in der Stadt, im Dorf, wo alle Bewohnerinnen und Bewohner regelmäßig und stellvertretend in ein fürbittendes Gebet eingeschlossen werden, die Lebenden und die Toten, – das ist ein Segen. Sag es als Mutter, als Vater deinem Kind: Ich bete für dich! Tun wir es füreinander, gerade dort, wo es Spannungen gibt, wo Beziehungen brüchig werden, wo Worte nichts mehr ausrichten. Gottes Barmherzigkeit ist größer als unsere Ratlosigkeit und Trauer.
Segnen kann verstanden werden als ein gleichsam schöpferisches Wahrnehmen und Benennen des Guten. Wer blüht nicht auf, wenn er oder sie gelobt wird? Erfahren zu dürfen, willkommen und erwünscht zu sein – welch ein Glück! Nichts tut so gut wie aufrichtige Anerkennung und echte Wertschätzung. Vielleicht zeigt sich die ganze Wahrheit und Schönheit eines Menschen überhaupt erst in der Anerkennung – und dann in der Liebe.
Nichts schmerzt dagegen mehr, als ausgeschlossen zu werden oder abschätzige Behandlung zu erfahren. Der beurteilende, verachtende oder gar böse Blick kann zutiefst verletzen. Das ständig kritische, abwertende oder nörgelnde Wort erniedrigt.
Segen zusprechen ist das genaue Gegenteil davon. Wenn eine Mutter ihr gestürztes Kind liebevoll in den Arm nimmt und tröstet, sagt sie: „Es wird alles wieder gut.“ Und so ist es ein Leben lang: Überall dort, wo Menschen einander gutheißen, ernst nehmen, aushalten und beistehen – gerade auch angesichts von Schuld und Scheitern, von Not und Ausweglosigkeit, wo nicht gleich alles gut werden kann – da wird Segen erfahrbar.
Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer definierte Segen folgendermaßen: „Segnen, d. h. die Hand auf etwas legen und sagen: Du gehörst trotz allem Gott. […] Wir haben Gottes Segen empfangen in Glück und im Leiden. Wer aber selbst gesegnet wurde, der kann nicht mehr anders als diesen Segen weitergeben, ja er muss dort, wo er ist, ein Segen sein. Nur aus dem Unmöglichen kann die Welt erneuert werden; dieses Unmögliche ist der Segen Gottes.“
Ostern wird uns zum Segen: Indem Jesus den Fluch des Kreuzes auf sich nimmt, durchbricht er Unheilszusammenhänge, Teufelskreise und die Spirale der Gewalt. In Kreuz und Auferstehung erweist sich die Macht des Segens stärker als Fluch, Gericht und Tod. Gottes Segen gewinnt gerade durch seine Ohnmacht in der Welt Macht und Raum. Und so hat der Segen eine gemeinschaftsbildende Kraft besonders in Situationen des Übergangs und des Abschieds. Dem Tod zum Trotz stiftet der Segen als Wort und Geste Trost und Lebenskraft.
Zuhören, gut übereinander reden, füreinander beten und dem Segen Raum geben: Ich wünsche Ihnen eine gesegnete österliche Bußzeit. Sie möge von Begegnungen geprägt sein, in denen wir gut mit- und übereinander reden, die Wachstum und Zuversicht bewirken und somit eine Ahnung von Auferstehung ermöglichen.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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