Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Gott gab den Menschen seine Gebote und Vorschriften. Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren und die Treue, um wohlgefällig zu handeln. Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt, was immer du erstrebst, danach wirst du deine Hand ausstrecken.
Vor den Menschen liegen Leben und Tod, was immer ihm gefällt, wird ihm gegeben. Denn groß ist die Weisheit des Herrn, stark an Kraft ist er und sieht alles. Seine Augen sind auf denen, die ihn fürchten, und er kennt jede Tat des Menschen. Keinem befahl er, gottlos zu sein, und er erlaubte keinem zu sündigen.
Wir verkünden Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. Vielmehr verkünden wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung.
Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Nein, wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben. Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.
In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein.
Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen. Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht. Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen.
Selig, deren Weg ohne Tadel ist,
die gehen nach der Weisung des Herrn.
Selig, die seine Zeugnisse bewahren,
ihn suchen mit ganzem Herzen.
Du hast deine Befehle gegeben,
damit man sie genau beachtet.
Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet,
deine Gesetze zu beachten.
Handle an deinem Knecht, so werde ich leben.
Ich will dein Wort beachten.
Öffne mir die Augen, dass ich schaue
die Wunder deiner Weisung!
Weise mir, Herr, den Weg deiner Gesetze!
Ich will ihn bewahren bis ans Ende.
Gib mir Einsicht, damit ich deine Weisung bewahre,
ich will sie beachten mit ganzem Herzen!
Das Evangelium nennt „Antithesen“ (besser gesagt: „Fallstudien“) der Bergpredigt mit der einprägsamen Einleitungsformel: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist – ich aber sage euch“. Jesus weiß um die grundlegenden alttestamentlichen Texte, er stellt sich nicht gegen die Tora mit dem Dekalog, den „Zehn Geboten“, sondern er erläutert und vertieft sie. Dass sich Jesus mit seiner Auslegung allerdings gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer stellt, sagt er selbst (Vers 20): „Ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ Über das „Zürnen“ und das „Schwören“ sind sich heutzutage wohl alle einig, diese Jesus-Worte kann jede und jeder sofort unterschreiben.
Wirklich herausfordernd sind die Verse 27 und 28 mit dem begehrlichen Blick. Jesus schützt die Ehe und verteidigt sie, indem er fast provokativ den Mann auf die Würde der Frau verweist. „Der Ehemann, der eine andere Frau auch nur lüstern anblickt, begeht Jesus zufolge bereits Ehebruch und macht sich so eines Kapitalverbrechens schuldig“, betont der Neutestamentler Gerhard Lohfink. Es handelt sich dabei nicht um das einfache Anschauen einer Frau. In manchen Kulturen führt(e) dies zu dem rigorosen Umstand, dass sich Frauen in der Öffentlichkeit vollständigen verhüllen mussten und müssen. Gemeint ist ein Blick auf eine verheiratete Frau, „um sie zu begehren“, verbunden mit sexuellen Phantasien. Ohne sich mit Rechtsfragen lange aufzuhalten, macht Jesus klar: Nicht erst im Vollzug, sondern schon in der Wahrnehmung beginnt der Ehebruch, mit Blicken, welche die Frau zum Sexualobjekt machen. Selbstverständlich hat auch die Frau ihrerseits die Verpflichtung zu Zurückhaltung und Anstand.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.