Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Stefan Zweig beschreibt in seinem Buch „Sternstunden der Menschheit“ Ereignisse, die den Verlauf der Weltgeschichte geprägt haben. In Anlehnung daran möchte ich das sogenannte Apostelkonzil im Jahr 49/50 n. Chr. als Sternstunde der Menschheit bezeichnen. Der Bibeltext in Apostelgeschichte 15 bezeugt eine große Weite und Größe. Hier hatten Menschen den Blick für die Zukunft. Sie haben global gedacht und konkret gehandelt, sie entschieden lösungsorientiert und haben sich nicht verzettelt in Kleinkram und Kleinkrieg.
In Antiochia entsteht Streit über die Frage, ob Heidenchristen beschnitten werden müssen oder nicht. Gott sei Dank führt der Streit nicht zu gegenseitigen Verletzungen und zu einer dauerhaften Trennung, sondern zu einem gut überlegten Weg in die Zukunft.
Schritt 1: Unter den Mitgliedern der christlichen Gemeinde in Antiochia wird die Frage immer aktueller: Müssen sich Heiden, die Christen werden wollen, zuerst beschneiden lassen und Juden werden, oder können sie sich ohne Beschneidung zum Christentum bekehren? Sie stellen sich der Frage, finden aber keine Lösung.
Schritt 2: So schicken sie Paulus und Barnabas nach Jerusalem mit der Bitte, dort die Streitfrage zu klären.
Schritt 3: Paulus und Barnabas werden in Jerusalem von der Gemeinde, den Aposteln und den Ältesten wohlwollend empfangen, ihr Anliegen wird gehört und ausführlich erörtert.
Schritt 4: Die Beratenden in Jerusalem bleiben nicht nur beim Reden, sondern beschließen gemeinsam eine gute Kompromisslösung. Der Beschluss wird in einem Brief schriftlich festgehalten.
Schritt 5: Barsabbas und Silas werden beauftragt, den Brief als Boten aus Jerusalem nach Antiochia zu bringen und dort den Inhalt mit ihrer Gegenwart und mit zusätzlichen Worten zu erklären.
Schritt 6: In Antiochia findet der Lösungsvorschlag aus Jerusalem die Zustimmung der Gemeinde.
Ich frage mich manchmal: Was wäre gewesen, wenn die Leute in Antiochia gesagt hätten: „All das geht niemanden was an, das klären wir unter uns!“ Was wäre gewesen, wenn Paulus und Barnabas in Jerusalem misstrauisch als Störenfriede empfangen worden wären? Was wäre gewesen, wenn die Beschlüsse ohne Gespräch mit den Betroffenen einfach über E-Mail oder Instagram, über Zeitungen oder als Befehl von oben übermittelt worden wären?
„Wahre Freunde sehen deine Fehler und weisen dich darauf hin. Falsche Freunde sehen deine Fehler und machen andere darauf aufmerksam.“ Dieses Sprichwort enthält viel Lebensweisheit. In der Spiritualität der christlichen Klöster gibt es den lateinischen Fachausdruck „correctio fraterna“ (brüderliche Korrektur). Gemeint ist die Aufgabe, sich gegenseitig Feedback zu geben als freundschaftliche Verpflichtung.
Die Bibel lehrt: mit Freunden eine gute Feedback-Kultur pflegen, mit Petrus vergeben statt nachtragen, mit den verlorenen Söhnen umkehren, mit den Aposteln global denken und konkret handeln, mit Paulus und Petrus auf Augenhöhe streiten ...

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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