Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Der österreichische Schriftsteller Karl Heinrich Waggerl äußerte sich einmal zum Wirken Jesu: „Christus ist nicht gekommen, um die Menschen intelligenter und tüchtiger zu machen, sondern um sie dazu anzuleiten, gütiger, selbstloser, mitfühlender und hilfsbereiter zu werden. Denn es sind vor allem die Kräfte des Herzens, auf die es ankommt.“ Ich bin überzeugt: Wenn ich mich vom Herzschlag Jesu ergreifen lasse, dann werde ich verwandelt. Ich werde nicht unverletzbar oder erfolgreicher, aber herzlicher und überzeugter.
Die vier Evangelien schildern uns Beispiele, wie Jesus unser Herz öffnen kann: Jesus schenkt dem Zöllner Zachäus Würde, indem er ihn beim Namen anspricht und sich als Gast in seinem Haus einlädt. Jesus blamiert weder die Ehebrecherin noch die anklagenden Pharisäer, sondern schreibt auf ihre Anklage hin zunächst in den Sand, um die Situation zu deeskalieren. In Worten und Taten zeigt Jesus seine Großzügigkeit. Bei Selbstgerechtigkeit und Scheinheiligkeit hingegen wird Jesus scharf. Ein Sprichwort lautet: „Schwache Männer machen Krieg, starke Männer machen Frieden.“ Jesus gehört zu den starken Männern.
„Am Anfang des Christseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt“, schrieb Papst Benedikt XVI. in der Enzyklika „Deus caritas est“. Diese Worte erzählen vom Geschenk der Begegnung mit Jesus, aber auch von der Motivation, mit der Menschen es schaffen, im Geist Jesu zu leben. Das gelingt, weil Menschen in der Freundschaft mit Jesus verwurzelt sind, täglich daraus leben und von Jesus lernen. Der irdische Jesus lebt uns vor, wie befreiend und hilfreich es ist, auf Beleidigungen nicht mit Rache und nach dem Motto „Aug um Aug, Zahn um Zahn“ zu reagieren. In seinen letzten Tagen besteht er unter schwierigsten Bedingungen den Ernstfall seiner eigenen Botschaft.
Ab und zu wird die Frage gestellt, was Jesus mit seiner Aufforderung meint, jemandem die Wange hinzuhalten (Matthäusevangelium 5,38–39). Dies hat nichts mit feigem Nachgeben oder geduldigem Schweigen zu tun, sondern im Gegenteil: Ich stelle mich hin und leiste Widerstand. Ich riskiere damit, dass ich noch einmal geschlagen werde. Aber ich behalte meine moralische Qualität, gebe nicht auf und übe keine Gewalt. Genau diese Haltung zeigt Jesus bei seiner Verurteilung auch dadurch, dass er den Diener des Hohepriesters zur Rede stellt, warum er ihn geschlagen hat.
Vergebung gehört zu den großen Herausforderungen und Chancen unserer Welt. Sie bewirkt mehr als tausend andere Versuche, die Welt zu verbessern. Friede ist ein aktives Gestalten. Jesus hat dies bei seinem Leiden und Sterben vorgelebt. Die Frage „Wie würde Jesus handeln?“ hilft mir, gelassener und klüger zu handeln.
Die Bibel lehrt: mit Jesus Versuchungen entlarven, mit Jesus deeskalieren statt Steine werfen, mit Jesus auf Beschämung verzichten, mit den Seligpreisungen Erde und Himmel verbinden, mit dem Vaterunser um Frieden beten, mit Jesus Feindesliebe wagen, mit Jesus Gewaltfreiheit üben ...
„Worte, die Frieden stiften – Ermutigungen aus der Bibel, Impulse für ein versöhntes Leben“ von Franz Troyer erscheint im Tyrolia Verlag am 7. März 2026. 168 Seiten, € 20,–

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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