Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Eher an eine Studentenunterkunft als an eine bischöfliche Seniorenresidenz dachte man, wenn man das Zimmer betrat, in dem der langjährige Bischof von Linz im Domherrenhaus in seinem Ruhestand lebte – sofern er denn auch zu Hause war: alles eng beieinander, der Schreibtisch, ein Tischchen für das Gespräch mit Gästen. Daneben ein bescheidenes Schlafzimmer. Wenige Erinnerungsstücke hat er in den Regalen aufbewahrt. An der Wand eine Karte der Region um das norditalienische Aquilea – der Ort, von dem aus das Christentum vor über 1.500 Jahren auch in das heutige Oberösterreich kam. Die Verbindung mit den Wurzeln war dem historisch äußerst interessierten und versierten Aichern stets wichtig – als Benediktinerabt von St. Lambrecht, später als Bischof.
Es war wenige Tage vor Weihnachten, als die Nachricht im Dezember 1981 nach Oberösterreich kam: Die zweijährige Sedisvakanz des Bischofsstuhls von Linz hatte ein Ende. Zwei Jahre lang hatte Vorgänger Franz Zauner die Diözese nur noch als Administrator geleitet. Viel war spekuliert worden, was die Gründe für ein derart langes Verfahren der Bischofsernennung sein könnten, schließlich hatte Linz ja auch in Alois Wagner einen Weihbischof, der zugleich auch Generalvikar war. Unruhe herrschte darüber.
Dass nun ein „Auswärtiger“ Bischof werden sollte, stieß zunächst auf Kritik. Der damalige Generaldechant Eberhard Marckhgott zum Beispiel hatte diese offen in der Kirchenzeitung geäußert. Nicht die Person Aicherns, aber die römische Vorgangsweise war das Problem – und sollte es bei Bischofsbestellungen in den Folgejahren immer wieder werden.
Als der damals 49-jährige Abt von St. Lambrecht Maximilian Aichern sich am 18. Dezember erstmals im Linzer Bischofshof der Presse stellte, war die Spannung groß. Nur wenige kannten ihn. Der Vater war ein Bauernsohn in St. Peter ob Gurk in der Steiermark gewesen. Der kleine Maximilian lebte sechs Jahre lang bei den Großeltern in Kärnten, ehe ihn seine Eltern nach Wien holten. Dort hatte sein Vater eine Fleischhauerei geerbt. Als im Weltkrieg eine Bombe nur knapp neben dem Elternhaus einschlug, kam die Familie heil davon. Kärnten, vor allem Gurk, blieb Aichern auch in der Wiener Zeit verbunden. Das Geschehen um den Gurker Dom und die vielen Wallfahrer machten einen tiefen Eindruck auf den Buben. Ein „mitunter etwas liberales, aber immerhin christliches bäuerliches Leben“ habe die Grundprägung seines Lebens gebildet, betonte er, als er sich in Linz vorstellte.
In Wien machte Aichern ganz neue prägende Erfahrungen: In seiner Heimatpfarre St. Josef (Wien XIV.) waren Arbeiterseelsorge und Jugendseelsorge großgeschrieben. In der Katholischen Arbeiterjugend, in die damals auch die studierende Jugend integriert war, fühlte sich der Gymnasiast wohl. Hier lernte er den damaligen Jugendbischof Paul Rusch kennen, der den jungen Menschen die Thesen des Arbeiterseelsorge-Pioniers Joseph Cardijn nahelegte. Das vormalige Linzer Betriebsseminar sollte später dessen Namen tragen.
Nach der Matura wollte Maximilian Aichern Weltpriester werden, doch der Vater drängte darauf, dass er die Fleischerlehre machte. Mit 18 Jahren, so der Vater, sei er für die Priesterberuf-Entscheidung zu jung. Später könne er sich ja immer noch anders entscheiden – und er tat dies auch. Gerade während der Fleischer-Lehrzeit lernte er den Benediktinerorden kennen. Nach der Gesellenprüfung trat er 1954 in die Gemeinschaft ein – im Kloster St. Lambrecht in der Steiermark. Er wollte seiner ursprünglichen Heimat nahe sein. Das Noviziat machte er allerdings in Seitenstetten (NÖ) – eine gewisse Annäherung an die Diözese Linz also schon damals. Zum Studium – zunächst in Salzburg – wurde er dann vom Abt nach Rom geschickt. Die vielen Kontakte mit Studierenden blieben von lebensbegleitender Bedeutung. Aichern hatte ein phänomenales Personengedächtnis. Sogar Kinder aus Schulklassen, die er visitiert hatte, erkannte er, wenn er sie auf der Straße wiedertraf, wurde berichtet. Die Menschen, die er traf, prägte er sich ein.
Im Kloster machte Maximilian Aichern eine steile Karriere. Bereits mit 32 wurde er Abtkoadjutor von St. Lambrecht. Als solcher leitete er de facto das Kloster. 1977 wurde er Abt, im Jahr darauf Abtpräses der Benediktinerkongregation in Österreich. Und: Er wurde zum Verbindungsmann des Ordens in den italienischen und den jugoslawischen Raum – das Gebiet, das ihm ans Herz gewachsen war. Aichern mochte den Süden. Doch es kam anders.
Schweren Herzens sei er damals dem Ruf des Papstes in die entgegengesetzte Richtung, nach Linz gefolgt. „Ich komme wie Abraham in ein fremdes Land“, meinte er vor den oberösterreichischen Journalist:innen. Fremd blieb Aichern nicht lange. Die Bischofsweihe am 17. Jänner 1982 feierten rund 10.000 Oberösterreicher:innen im Linzer Dom mit.
„Lassen wir uns die Freude am Glauben nicht nehmen“: Wie ein roter Faden zog sich diese Ermutigung durch seine Amtszeit – als Schlusssatz bei der Bischofsweihe, bei vielen Gottesdiensten, besonders bei den zahlreichen Dekanatsfesten während des 200-Jahr-Diözesanjubiläums zwischen 1983 und 1985, bis hin zum Dankgottesdienst der Diözese am Ende seiner Amtszeit.
Die Diözese gut kennenzulernen, war ihm ein wichtiges Anliegen. Das ehrgeizige Ziel, binnen zehn Jahren alle damals 483 Pfarren zu besuchen, verfolgte er auch. Praktisch jedes Wochenende, an dem nicht andere bischöfliche Aufgaben zu erfüllen waren, war er so in der Diözese unterwegs, meist zu einer Visitation.
Bald sah er, dass eine so große Diözese nur mit einem guten Mitarbeiterstab zu leiten sein würde. So setzte er für die Kernbereiche Bildung, Caritas und soziale Aufgabe, ebenso für pastorale Aufgaben sowie für die Orden Bischofsvikare ein – mit einem Hintergedanken: Bischofsvikare konnte er selbst ernennen. Einen Weihbischof hätte Rom ausgesucht.Das Seine zu tun, damit zur gegebenen Zeit die Nachfolge gut verlaufen würde, war ihm ein Anliegen. So ließ er im Rahmen einer Diözesanversammlung der diözesanen Gremien erstmals 1986 einen Dreiervorschlag wählen, der nicht nur an die Nuntiatur, sondern von ihm direkt auch nach Rom gebracht wurde. Ein Bischof sollte von einer Diözese auch gewollt sein.
„Es ist wichtig, dass viel geredet wird“, meinte Aichern ebenfalls bereits vor Amtsantritt. Ein Wort, das er in seinem langen bischöflichen Wirken auch einlöste. „Dialog“ ist ihm das wichtigste Instrument seiner Amtsführung geworden. Er nahm die Diskussionen in den Gremien ernst, ließ sich auch überzeugen. Als der Priesterrat 1986 ein Dokument „Orientierungen“ für die Seelsorge an wiederverheirateten Geschiedenen beschloss, ließ er dieses veröffentlichen. Linz war damit die erste Diözese, die wiederverheirateten Geschiedenen den Zugang zu den Sakramenten ermöglichte. Später sollte Linz auch in der Pastoral von Menschen mit homosexueller Orientierung eine einladende Haltung einnehmen.
International Aufsehen erregte die Haltung Bischof Aicherns in der Frage einer Änderung beziehungsweise Öffnung der Weiheämter für Verheiratete, und er plädierte für die Weihe von Frauen als Diakoninnen als ersten Schritt. Die Frage sei nur weltkirchlich zu lösen, betonte er stets. Mit aus dem Amt geschiedenen verheirateten Priestern hielt er durch ein jährliches Treffen Kontakt.
Ein anderes Beispiel ist die Haltung Aicherns zur Frage der Nutzung von Atomkraft. Nach dem Reaktorunglück 1986 im ukrainischen Tschernobyl gab es heftige Proteste um die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf im bayerischen Landkreis Schwandorf in der Oberpfalz. Aichern ließ sich genau informieren – und äußerte sich im Sinne der Sorgen der Bevölkerung gegen die Eröffnung der Anlage. Das fand international Beachtung. 1989 wurde das Projekt tatsächlich eingestellt.
Dem vielbeachteten Sozialwort der österreichischen Bischöfe, von ihm federführend betrieben, waren zahlreiche öffentliche Dialogveranstaltungen vorangegangen, ehe es 1990 veröffentlicht wurde. Bei der Erarbeitung des 2003 erschienenen gemeinsamen Sozialwortes der 14 christlichen Kirchen in Österreich war er ebenfalls federführend.
Wichtig war „Sozialbischof“ Aichern ein gutes Verhältnis zu den politischen Instanzen und Parteien über ideologische Grenzen hinweg. Bei der in Linz begründeten „Allianz für den freien Sonntag“ gelang 1997 ein Schulterschluss mit zahlreichen Institutionen, von der Wirtschaft bis hin zu den Gewerkschaften. Bei der Verfolgung solcher Ziele konnte er richtig hartnäckig sein.
Die Amtszeit – 1982 bis 2005 – war alles andere als eine einfache. Die umstrittenen Bischofsernennungen fielen in diese Zeit, die Namen Krenn, Laun und Groër stehen dafür. Dann kam das jähe Ende der Ära Hans Hermann Groër, als Missbrauchsvorwürfe an den Wiener Erzbischof 1995 diesen zum Rücktritt zwangen. Nur eisernes Schweigen hatte Groër für die Vorwürfe übrig, doch die Kirche erlebte die größte Vertrauenskrise der jüngeren Geschichte. 2010 sollte sie sich noch einmal zuspitzen, als die Missbrauchsskandale noch viel größere Dimensionen annahmen.
Aichern war kein Mann, der gerne in die Medien drängte. Journalistinnen und Journalisten gegenüber verhielt er sich zunächst eher reserviert, fast scheu. Erst mit der Zeit hatten es auch Medienleute mit dem zurückhaltenden und vorsichtigen Aichern etwas einfacher. Eine Episode mag dies verdeutlichen: Aichern versuchte auf mögliche Presseanfragen gefasst zu sein. Als sich 2002 die Oberösterreicherin Christine Mayr-Lumetzberger als eine von sieben Frauen auf einem Donauschiff zur Priesterin weihen ließ, konnte Aichern natürlich nicht selbst teilnehmen, war aber neugierig. Da er ganztags auswärtige Termine hatte, ließ er sich noch in der Nacht nach dem Ereignis durch den Autor dieses Nachrufes auf dem Rückweg von einem Termin in Aigen-Schlägl bei einem nächtlichen Treffen auf einem Mühlviertler Friedhof genau informieren.
Auch mit seinen „Gegnern“ versuchte Aichern ein menschliches Verhältnis zu pflegen. So besuchte er den schwerkranken und wohl auch vereinsamten emeritierten Bischofskollegen Kurt Krenn in St. Pölten. Aichern glaubte an das Gute im Menschen und vermied es, den Stab über jemanden zu brechen. Er strahlte auch in den Konflikten menschliche Größe und innere Gelassenheit aus. Von manchen wurde nicht verstanden, als er einmal einen Gedenkgottesdienst für den 2008 tödlich verunglückten Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider feierte. Doch die Bitte der Familie – der Mutter und der Frau – wollte Aichern nicht ausschlagen. Er verstand sich als Seelsorger, nicht als Taktiker.
Jäh kam das Ende der Amtszeit Aicherns. Am 18. Mai 2005 nahm Papst Benedikt XVI. das Rücktrittsgesuch des damals 73-jährigen Bischofs an. Aichern hatte zwar eingereicht, doch eigentlich erwartet, dass man sich, wie auch bei anderen Bischöfen, mit der Annahme bis zum offiziellen bischöflichen Rücktrittsalter von 75 Jahren Zeit lassen würde. Als Glaubenspräfekt Ratzinger war der nunmehrige Papst Benedikt XVI. dem Linzer Bischof stets kritisch gegenübergestanden. Am 18. September übergab Aichern das Amt an Ludwig Schwarz.
Dass er vieles, was als Bischof zu tun war, nicht als Last sah, sondern mit Herz betrieb, zeigte sich nun auch im Ruhestand. Oft tauchte der „Altbischof“ zu Vorträgen und Veranstaltungen auf, die ihn interessierten, nahm irgendwo im Publikum Platz und beteiligte sich an Diskussionen. Er freute sich, dass er für die österreichischen Bischöfe weiterhin die Kontakte zu den italienischen Kollegen halten sollte. Zweimal hatte er ja auch bei einer Weltbischofssynode teilgenommen: bei jener über die „Berufung und Sendung der Laien in Kirche und Welt“ (1987) sowie „Über das gottgeweihte Leben“ (1994). Das waren Erlebnisse, von denen er gerne erzählte.
Für seine Nachfolger Schwarz und Scheuer blieb er eine wichtige Unterstützung, wenn er sie durch die Übernahme von Terminen entlastete. Und vielen, die mit ihm an einem Tisch saßen, wird er auch als „Geschichtenerzähler“ in Erinnerung bleiben – Geschichten von einem, der sich die Freude am Glauben nicht nehmen ließ.
Geboren am 26. Dezember 1932 als Sohn von Max und Franziska Aichern in Wien, dort Matura 1951. 1954 Eintritt in das Kloster St. Lambrecht. Aichern studierte an der Universität Salzburg und an der Päpstlichen Hochschule Sant’Anselmo in Rom. 1959 wurde er in Subiaco bei Rom zum Priester geweiht. Anschließend wirkte er als Kaplan an der Stiftspfarre St. Lambrecht und als Berufsschulkatechet. 1964 wurde er 32-jährig zum Abtkoadjutor von St. Lambrecht gewählt. 1977 wurde er, nach dem Tod seines Vorgängers, Abt von St. Lambrecht. Ein Jahr später wählte man ihn auch zum Abtpräses der österreichischen Benediktinerkongregation. Am 15. Dezember 1981 ernannte Papst Johannes Paul II. Abt Maximilian Aichern zum neuen Bischof von Linz. Am 17. Jänner 1982 erfolgte die Bischofsweihe im Linzer Mariendom als zwölfter Bischof der Diözese durch Kardinal Franz König mit Altbischof Franz Zauner und Bischof Alois Wagner.

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Turmeremitin Birgit Kubik berichtet über ihre Woche in der Türmerstube hoch oben im Mariendom Linz >>

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