Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.
Im Blick auf die ersten Seiten der Bibel möchte ich sagen: „Ich bin sowohl Adam und Eva als auch Kain, Abel und Set. Alle diese Gene trage ich in mir.“ Die Bibel bietet einen Spiegel, in dem wir klarer sehen, wie wir Menschen sind und was an Gutem, aber auch Unberechenbarem in uns steckt.
Ein Mord bereits auf Seite 3 der Bibel! Der Mord an Abel hat mehr mit uns Menschen zu tun, als wir zunächst meinen. Kain schafft es nicht, über die Sünde zu herrschen, die Sünde beherrscht ihn. Auf die Frage Gottes, wo sein Bruder sei, entgegnet er: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ (Genesis 4,9) Diese Antwort ist nicht nur eine Lüge, sondern schildert auch die folgenschwere Verweigerung von Verantwortung. Viel Leid in unserer Welt geschieht deswegen, weil sich Menschen aus Scham nicht ins Gesicht schauen, sondern wegschauen.
Die Erzählung von Kain und Abel schildert, wie die Lawine des Bösen in der Welt losgetreten wird. Wie lässt sich diese Lawine stoppen? Die Vision des Propheten Jesaja ist der größte Leuchtturm, dass dies möglich ist:
„Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN.“ (Jesaja 2,2–5)
Die Vision des Jesaja beginnt mit dem Blick auf einen Berg, der dasteht wie ein Fels in der Brandung. Kein Wunder, dass sich Menschen aus allen Nationen und Völkern dorthin auf den Weg machen. Sie motivieren sich gegenseitig, den Weg zum höheren Ziel zu gehen. Diese Völker handeln nicht nach dem Recht des Stärkeren und finden ihre Sicherheit nicht in Waffen. Die Folge ist fantastisch. Kriegswaffen sind überflüssig und werden zu Pflugscharen umgeschmolzen. Wer Frieden gelernt hat, bleibt gelassen und kann wie Jesus sogar in der Extremsituation der Gefangennahme einladen, das Schwert in die Scheide zu stecken. (Johannes 19,11)
In den letzten Jahrhunderten wurden im Völkerrecht Ziele formuliert, um das Miteinander der Staaten zu garantieren und Kriege zu verhindern. Diese Ziele und Werte verlieren derzeit aufgrund der Kriege und der Macht narzisstischer Politiker an Gültigkeit. Sie hören nicht zu, sondern diktieren und erpressen. Statt der Stärke des Rechts scheint das Recht des Stärkeren im Vormarsch zu sein. In dieser Ansammlung verschiedener Kräfte und Interessen wächst auch die Gefahr, Religion für eigene Zwecke zu missbrauchen.
Die Bibel lehrt: mit Noach eine Friedenstaube ausschicken, mit Abraham den Kontakt zu Fremden suchen, mit Joseph auf Rache verzichten, mit Salomo um ein hörendes Herz bitten, mit Ester Verantwortung übernehmen, mit Jesaja vom Weltfrieden träumen ...
„Worte, die Frieden stiften – Ermutigungen aus der Bibel, Impulse für ein versöhntes Leben“ von Franz Troyer erscheint im Tyrolia Verlag im Februar 2026. 168 Seiten, € 20,–

Stefan Kronthaler ist Redakteur der Wiener Kirchenzeitung „Der SONNTAG“.

Birgit Kubik, 268. Turmeremitin, berichtet von ihren Erfahrungen in der Türmerstube im Mariendom Linz. >>
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