BRIEF_KASTEN
Die Gäste sitzen bei Tisch, das Essen wird aufgetragen und auf die Teller verteilt. „Danke, genügt!“, sagen sie der Reihe nach. Bei Tisch will man sich wohlerzogen zeigen. Man achtet darauf, dass alle genug bekommen.
Was bei Tisch als anständig gilt, wird in anderen Zusammenhängen nur zu rasch vergessen. Da gerät dieses „Danke, genügt!“ schnell aus dem Blick.
Noch etwas und noch etwas – und das auch noch dazu, lautet dort die Devise. Das ist die gängige Lebensweise von Menschen, die es sich leisten können.
Es kann etwas wie gestohlen sein, auch wenn es legal erworben und ordnungsgemäß bezahlt wird. Die Tatsache allein, dass jemand mehr Geld als andere hat, berechtigt noch nicht dazu, sich auch mehr zu nehmen als andere. Das ist die Frage des Anstands – und sie gilt nicht nur bei Tisch.
Man stelle sich die Güter der Erde wie das aufgetragene Essen bei einem Fest vor – und man bedient sich vor aller Augen aus diesem gemeinsamen Topf. Ist es da noch selbstverständlich, dass einer beispielsweise einen teuren Luxuswagen fährt, und es macht ihm nichts aus, dass er dreimal soviel Treibstoff verbraucht wie ein anderer?
Überhaupt: dass man sich viel mehr an Gütern aneignet – herausnimmt eigentlich – als andere? Bei Tisch würde man sich für solches Verhalten schämen.
Bewunderung verdienen nicht Leute, die stolz präsentieren, was sie sich leisten können, sondern eher jene, die das „Danke, genügt!“ nicht nur bei Tisch, sondern überhaupt in ihrem Leben pflegen.
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