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Menschen brauchen Brauchtum

Kunst & Kultur

Egal, ob Seeprozession, Erntedankfest, Adventkranzbinden oder Krippenspiel: Volkskultur und Brauchtum sind stark mit dem kirchlichen Leben verbunden und stärken die Gemeinschaft. Jede Generation müsse ihre eigenen Traditionen begründen, sagt Elisabeth Mayr-Kern, Generalsekretärin des OÖ.Forum Volkskultur im Interview. 
 

Ausgabe: 34/2018
28.08.2018
- Das Gespräch führten Elisabeth Leitner und Tanja Holzer
Goldhauben, Blasmusik, Amateurtheater: über  110.000 Mitglieder sind im Bereich der Volkskultur aktiv.  Sie stärken die Gemeinschaft, engagieren sich ehrenamtlich und sind ein unverzichtbarer Teil des (Pfarr-)Gemeindelebens.
Goldhauben, Blasmusik, Amateurtheater: über 110.000 Mitglieder sind im Bereich der Volkskultur aktiv. Sie stärken die Gemeinschaft, engagieren sich ehrenamtlich und sind ein unverzichtbarer Teil des (Pfarr-)Gemeindelebens.
© Land OÖ

Volkskultur und Volksfrömmigkeit hängen eng zusammen. Wie sehen Sie das? 
Elisabeth Mayr-Kern: Anneliese Ratzenböck, die ehemalige Obfrau der Oö. Goldhaubenfrauen, hat einmal gesagt, Menschen brauchen Brauchtum und Bräuche, weil diese dem Leben Struktur geben. Auch der kirchliche Jahreskreislauf gibt dem Leben Struktur und Sinn, insofern ist es keine Überraschung, dass Brauchtum und kirchliches Leben stark miteinander verbunden sind. 

 

Wie nehmen Sie diese Entwicklung heute wahr? Ist hier eine Veränderung zu bemerken?  
Mayr-Kern: Gerade in der heutigen Zeit haben viele Menschen Sehnsucht nach beständigen Strukturen. Volkskultur ist immer auch Gemeinschaftskultur, das heißt, Volkskultur braucht Gemeinschaft. Es gibt keine Volkskultur, kein Brauchtum, das ohne dieses gemeinsame Tun auskommt – das empfinde ich als große Bereicherung, und ich glaube, dass es das ist, was die Menschen schätzen. Man muss dabei trennen zwischen einem Bild von Volkskultur und Brauchtum, das viel mit Kitsch, Fremdenverkehrswerbung und inszenierter künstlich-irrealer Idylle zu tun hat, und dem, was in den Gemeinden, Pfarren, Vereinen und Verbänden tatsächlich gelebt und gepflegt wird.

 

Warum ist die Volkskultur so ansprechend? 
Mayr-Kern: Weil sie real ist. Volkskultur findet statt, und zwar im Hier und Jetzt. Ich persönlich spüre zum Beispiel beim „Fest der Volkskultur“ (siehe Tipp) eine große Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement und bin immer ganz begeistert, was in den jeweiligen Austragungsorten alles auf die Beine gestellt wird. Wenn ein ganzer Ort zusammenarbeitet, dann ist das natürlich sehr, sehr viel Arbeit, und es geht auch nicht ohne Diskussionen. Aber all das prägt, und all das führt dazu, dass ein Ort durch so eine große Veranstaltung neu zusammenwächst und die Ortsgemeinschaft gestärkt wird. Und das zeigt für mich am besten, was Volkskultur heute ist und warum sie auch in der heutigen Zeit noch notwendig ist.

 

Zwischen gelebter Tradition und musealer Brauchtumspflege: Wie hält man die Traditionen lebendig? 
Mayr-Kern: Jede Generation, jede Zeit muss ihren eigenen Weg finden, muss ihre eigenen Traditionen begründen. Das ist immer so gewesen. Es gibt keinen „Kanon“, kein „Gesetzbuch“ der Volkskultur, das fixe Regeln definiert. Wozu auch? Wenn man die Zeit überblickt, hat sich alles immer weiter-­entwickelt, so wie es auch die Gesellschaft tut. Volkskultur ist kein abgeschlossenes System mit festen Regeln, sondern offen und fließend. Über die Jahrzehnte hat sie es immer wieder geschafft, Neues zu schaffen, zu integrieren, und das unaufgeregt und selbstverständlich. Wenn ich nur an die Trachtenbewegung denke, die sich im letzten Jahrzehnt – vielfach vorangetrieben von den Goldhaubenfrauen – über ganz Oberösterreich ausgebreitet hat und viel zum Selbstbewusstsein der Regionen und Gemeinden beigetragen hat.

 

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? 
Mayr-Kern: Was die Jugend betrifft: Die Volkskultur hat einen großen jugendlichen Teil, wenn ich nur an die Landjugend denke, die Blasmusik oder den Amateurtheaterbereich. – Mir ist es ein Anliegen, dass man mit den ganzen Mythen und Platitüden im Umgang mit der Volkskultur aufräumt und zu einer sachlichen, fundierten und konstruktiven Diskussion findet. Das erfordert einen ehrlichen, unvoreingenommenen Blick auf die Szene, in der so viel integratives, kulturelles, gemeinschaftliches Tun stattfindet. «

 

Veranstaltungstipp: Das große „Fest der Volkskultur“ mit Ausstellungen zum immateriellen Kulturerbe und zur Volkskultur sowie einem Kunsthandwerksmarkt findet heuer vom 14. bis 16. September in Windhaag bei Freistadt statt. 

 

 

OÖ. Forum Volkskultur

Im OÖ. Forum Volkskultur sind zurzeit 25 Landesverbände zusammengeschlossen, die 3.500 Vereine mit 110.000 Mitgliedern vertreten. Zwei dieser oberösterreichischen Organisationen sind die Oö. Goldhaubenfrauen und das Amateurtheater OÖ. 18.000 Frauen bilden die Gemeinschaft der Goldhauben-, Kopftuch- und Hutgruppen. Das Amateurtheater zählt 7.000 Darsteller/innen in 250 Theatergruppen, die auch in vielen Pfarren aktiv sind.  

Mag. Dr. Elisabeth Mayr-Kern  ist Generalsekretärin des OÖ. Forums Volkskultur.
Mag. Dr. Elisabeth Mayr-Kern ist Generalsekretärin des OÖ. Forums Volkskultur.
© Land OÖ
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