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Sucht ist keine Entscheidung

Gesellschaft & Soziales

Niemand sucht sich aus, süchtig zu sein. Die Grenzen zwischen normalem Konsum und Suchterkrankung sind fließend. Problematisch wird es, wenn Alkohol und Co. die einzigen Mittel sind, um den Alltag zu bewältigen.
 

Ausgabe: 41/2020
06.10.2020
- Lisa-Maria Langhofer
Mit Suchtmitteln versuchen Betroffene, über den Alltag zu kommen, Krisen zu bewältigen oder einen „Kick“ zu erleben. Manche schlittern dabei in eine Suchterkrankung.
Mit Suchtmitteln versuchen Betroffene, über den Alltag zu kommen, Krisen zu bewältigen oder einen „Kick“ zu erleben. Manche schlittern dabei in eine Suchterkrankung.
© ©monticellllo - stock.adobe.com

Laut österreichischem Arbeitsklima-Index greifen Beschäftigte bei psychischen Belastungen, Zeitstress und langen Arbeitszeiten vermehrt zu Medikamenten, um den hohen Belastungen standzuhalten. Dazu kommt, dass auch viele krank zur Arbeit gehen, am öftesten sind das Beschäftigte in Pflegeberufen, im öffentlichen Dienst und Techniker/innen sowie Büroangestellte. Im bisherigen Jahresverlauf griffen drei Viertel aller Arbeitnehmer/innen in Österreich zu Schmerzmitteln, 14 Prozent nahmen Schlaf- und Beruhigungsmittel, rund sechs Prozent leistungssteigernde Substanzen. 

 

Schleichender Prozess

Wann wird eine Sucht zur Sucht? Josef Hölzl, Referent für Beratung bei beziehungleben.at und bei der Männerberatung der Diözese Linz, sagt dazu Folgendes: „Niemand entscheidet, süchtig zu sein, vielmehr ist es ein längerer Prozess. Es beginnt mit einer Gewohnheit, bei der unmerklich die Dosis gesteigert wird. Irgendwann kippt das Ganze und wird zur Sucht.“ In den Beratungen gehe es hauptsächlich um Alkohol, Medikamente würden meist nicht als Sucht wahrgenommen. „Gelegentlich melden sich Eltern, deren Kinder ständig am Handy sind oder Online-Spiele spielen. Am öftesten suchen uns allerdings Angehörige auf, deren Partner/innen ein Problem haben. Darüber hinaus kommen Männer zu uns, die wegen des Alkohols zu Tätern wurden.“ 
Den Eindruck, dass immer mehr Menschen zu Aufputschmitteln und Medikamenten griffen, um den Arbeitsalltag zu bewältigen, kann Hölzl so nicht bestätigen: „Eine andere Erfahrung ist, dass Leute nach einem stressigen Arbeitstag etwas konsumieren, um wieder runterzukommen, in einen Zustand, wo unangenehme Gefühle wie Schmerz, Kummer oder Ohnmacht betäubt werden.“ Die Betroffenen schaffen sich ein „Wattebausch-Gefühl“.

 

Alkohol und Crystal Meth

Wer zu welchen Suchtmitteln tendiert, sei kulturell unterschiedlich, sagt Kurosch Yazdi, Leiter des Klinikzentrums Psychiatrie am Kepler Universitätsklinikum: „Das hängt von der Verfügbarkeit ab. Zum Beispiel ist bei den Jugendlichen in Oberösterreich Crystal Meth ein großes Thema, was an der Nähe zu Tschechien liegt, wo es hergestellt und über die Grenze geschmuggelt wird.“ Crystal Meth sei in keinem anderen Bundesland so billig zu bekommen wie in Oberösterreich. Dauerbrenner bei den Drogen seien Alkohol und Zigaretten. „Ein wachsendes Problem der letzten Jahre ist auch der Über-Konsum von Internet und Handy“, ergänzt Yazdi.
 

Früherkennung

Letzlich könne Betroffenen nur dann frühzeitig geholfen werden, wenn es in der Gesellschaft zu einer Sensibilisierung für dieses Thema komme und es enttabuisiert werde. „Gerade in Krisenzeiten sind deshalb niederschwellige Angebote wichtig“, sagt Yazdi. Eine Anlaufstelle für ­Betroffene und Angehörige ist die TelefonSeelsorge OÖ. Leiterin Silvia Breitwieser: „Das Eingeständnis, ein Suchtproblem zu haben, kommt den Betroffenen nur sehr schwer über die Lippen.“ Seit Anfang der Covid-Krise habe es viele Beratungsgespräche zum Thema Sucht gegeben. „In der Beratung geht es vor allem darum, jene Sehnsucht zu definieren, die hinter jeder Sucht steht. Oft liegt ein ganz anderes Problem zugrunde: ein nicht gut verarbeitetes Erlebnis, verpasste Chancen auf dem Lebensweg.“ Breitwieser rät, sich schon früh ein „psychosoziales Netz aufzubauen“, um später gut durch eine Krise zu kommen. „Die Menschen sollen dazu ermutigt werden, schon früher über ihre Sorgen und Probleme zu reden, und nicht erst, wenn der Hut brennt“, ergänzt Hölzl. 

 

Einfluss von Corona

Wie sich die Coronakrise auf Sucht und Suchterkrankungen auswirke, sei aus heutiger Sicht nicht seriös abzuschätzen, meint Yazdi: „Grundsätzlich bedeutet die aktuelle Problematik aber für viele Menschen Stress, durch den drohenden Verlust der Arbeit, gesundheitliche Ängste oder auch Einsamkeit.“ All dies könne zu vermehrtem Suchtmittel-Konsum führen. Deshalb sei es Aufgabe der Gesellschaft und besonders der Institutionen des Gesundheits- und Sozialbereichs, Präventivmaßnahmen zu unterstützen und über Hilfsangebote zu informieren.

Josef Hölzl ist Referent für Beratung bei beziehungleben.at und bei der Männerberatung der Diözese Linz.
Josef Hölzl ist Referent für Beratung bei beziehungleben.at und bei der Männerberatung der Diözese Linz.
© beziehungleben.at
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