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Hetze frißt die Seele auf

Gesellschaft & Soziales

Der ehemalige Kriminalbeamte Uwe Sailer setzt sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit ein. Ein Gespräch über das Wesen von Menschen, die hetzen, und die Kraft der Gegenrede.
 

Ausgabe: 37/2018
11.09.2018
- Christine Grüll
Schild auf einer Demonstration am  1. ­Sept- ember 2018 in Chemnitz in Sachsen
Schild auf einer Demonstration am 1. ­Sept- ember 2018 in Chemnitz in Sachsen
© REUTERS/Hannibal Hanschke (Ausschnitt)

In der sächsischen Stadt Chemnitz sind vor Kurzem rechtsextreme Gruppen in Wort und Tat gegen Flüchtlinge vorgegangen. Könnte es auch in Österreich so weit kommen?
Uwe Sailer:
Zurzeit ist es sehr unwahrscheinlich, dass so etwas wie in Chemnitz auch bei uns passiert. Die Rechtsextremen sind zwar im österreichischen Parlament vertreten, doch das Stiefelvolk bringen sie nicht auf die Straße. Aber die Richtung geht schon dorthin. Es wird aufgerüstet mit Worten. Wir sehen das gerade ganz typisch im Fall eines afghanischen Lehrlings in Oberösterreich, gegen den Beschuldigungen ausgesprochen wurden, ohne Beweise vorzulegen. Das dient nur dem Zweck der Aushebelung einer Gesellschaftsschicht, die den Rechten unangenehm ist und die öffentlich an den Rand gedrängt und zu Freiwild gemacht wird.


Sie haben viel Erfahrung mit Menschen, die hetzen, auch gegen Ihre Person. Was sind das für Persönlichkeiten? Und ist Hetzen männlich?
Sailer:
Man muss unterscheiden zwischen dem, der Hass und Hetze verbreitet, und dem, der mitläuft. Wer Hass und Hetze verbreitet, ist aus meiner Erfahrung heraus männlich. Das hat vorwiegend mit Machtorientiertheit zu tun. Die Leute, die Hass entwickeln, sind grundsätzlich in ihrer Persönlichkeit schwach. Sie sind in der Regel autoritär groß geworden. Unsere Welt geht aber in die Richtung, dass man selbstständiger denkt. Dann sind diese Menschen orientierungslos. Sie sind im Ungewissen. Ungewissheit heisst aber, sich auf etwas einstellen zu müssen und ein gewisses Maß an Freiheit zu haben. Mit dieser Freiheit können sie nicht umgehen. Hass und Hetze fressen aber die Seele auf, sie zerstören das eigene Nervenkostüm.


Die öffentliche Diskussion über Flüchtlinge ist stark von Ängsten und Bedrohungen geprägt. Der FPÖ-Wehrsprecher hat von Lagern für Asylwerber in Nordafrika gesprochen, die wenn nötig sogar mit Militär­einsatz errichten werden sollen. Was kann die einzelne Person tun, damit wieder Vernunft einkehrt?
Sailer:
Das Einzige ist die Gegenrede, andere nennen es Widerspruch. Jeder Einzelne soll dagegenhalten, wenn er wirklich ein aufrichtiger Demokrat ist und sein will. Im Rahmen dessen, was er für sich für möglich hält. Wenn immer mahnende Worte kommen, wird das schon einmal fruchten. Wenn jemand meint, es reichte ihm, kann ich nur empfehlen, sich einer Gruppierung anzuschließen, wo er oder sie meint, sich einbringen und etwas gegen Radikalismus bewirken zu können. Suche Verbündete. Das tut auch der Psyche gut. Mit Verbündeten geht es immer leichter.


Was kann die Kirche tun?
Sailer:
Die christliche Nächstenliebe wird in der Kirche tatsächlich formuliert, das zeigt sich in der Arbeit der Caritas, in Aussendungen der Kirche und in Predigten. Bischof Scheuer finde ich großartig, wie er das macht im Rahmen seiner Möglichkeiten. Die Kirche kann nicht mehr tun, als ihren Mitgliedern Halt zu geben, sie aufzubauen und zu ermuntern, an der Hetze nicht teilzunehmen, dagegenzureden und christliche Nächstenliebe zu leben. 

 

 

Zur Person

Uwe Sailer aus Linz war 40 Jahre lang Kriminalbeamter. Als Datenforensiker hat er in den 1990er-Jahren begonnen, im Internet und auf digitalen Datenträgern nach rechtsextremen Straftaten zu forschen. Er setzt sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und für die Demokratie ein. Dafür wurde er im Mai 2018 mit dem Solidaritätspreis der KirchenZeitung ausgezeichnet.   
 

© KiZ/Litzlbauer
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