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Ethiker Rosenberger hinterfragt Mensch als "Krone der Schöpfung"

GESELLSCHAFT_SOZIALES

Der Linzer Theologe Michael Rosenberger entwirft in seinem Buch eine neue "christliche Tierethik". Der christliche Anthropozentrismus bedürfe einer Korrektur, findet der Theologe.

07.08.2023
- kathpress/em
Der Ethiker Michael Rosenberger fordert ein Umdenken beim Umgang mit Tieren und Natur.
Der Ethiker Michael Rosenberger fordert ein Umdenken beim Umgang mit Tieren und Natur.
© Petra / Pixabay

"Krone der Schöpfung?" - Das Fragezeichen im Titel des neuen Buches von Michael Rosenberger, Moraltheologe und Ethiker an der Katholisch-Theologischen Privat-Universität (KU) Linz ist nicht umsonst gesetzt. Denn darin stellt der Autor dar, dass der christliche Anthropozentrismus, der von einem Vorrang des Menschen vor allen anderen Geschöpfen ausgeht, wesentlich zur gegenwärtigen Umweltzerstörung und zur Ausbeutung der Tiere beigetragen habe. Diese "lange verbogene und verengte" Haltung gegenüber der Mitwelt bedürfe einer Korrektur, so Rosenberger im Kathpress-Interview am Mittwoch über seine neue Publikation. Im Schlusskapitel erläutert er eine mögliche "(Weiter-)Entwicklung einer christlichen Tierethik".

 

Die Christologie als Lösung

 

Einen möglichen Ansatz sieht der Theologe und Priester überraschenderweise in der Christologie: Im Prolog des Johannesevangeliums heißt es über Christus, das Wort sei "Fleisch" geworden. In der jüdischen Lebenswelt Jesu sei damit aber nicht allein "Menschwerdung" gemeint, erklärte Rosenberger; "Fleisch" stehe vielmehr für "Geschöpf" - was die Würde der gesamten Schöpfung und nicht nur des Menschen unterstreiche, wie auch Papst Franziskus in seiner Enzyklika "Laudato si" festhalte.

 

Eine volkskirchliche Umsetzung dieser Schöpfungsfreundlichkeit sieht Rosenberger in der Gestaltung von Weihnachtskrippen, wo Ochs und Esel dem menschgewordenen Gott sehr nahe sind und damit deutlich werde: "Jesus bringt sein Licht auch für die Tiere."

 

Der zweite Neuansatz des Moraltheologen bezieht sich auf die christliche Anthropologie: Den aus der griechischen Philosophie übernommenen Vorrang des Denkens vor der Gefühlswelt und der Körperlichkeit als "dem Tier in uns" gelte es zu überwinden. Die Geringschätzung und sogar Herabwürdigung der Emotionen und der Physis ist laut Rosenberger "derselbe genetische Defekt", der auch die christliche Sexualmoral bis heute belaste.

 

Einfluss der griechischen Philosophie

 

Das junge Christentum der Antike habe sich allzu sehr auf die griechisch-römische "Mainstream-Philosophie" gestützt, um wissenschaftlich "up to date" zu sein, bedauerte der Theologe. Damit verbunden war die Vorstellung, dass der Mensch alles für seine eigenen Zwecke nutzen darf. In der Schöpfungsvorstellung, die etwa Platon im Dialog "Timaios" formulierte, gehe es um Kosmos und Mensch, so Rosenberger, Tiere und Pflanzen wie in der Schöpfungserzählung der Genesis seien nicht im Blick. Zwar fänden sich bei den Kirchenvätern auch viele tierfreundliche Aussagen und erstaunlich detailfreudige Beobachtungen des tierischen Verhaltens, aber geschichtsmächtig sei letztlich die Idee vom Menschen als "Krone der Schöpfung" geworden.

 

Umweltzerstörung und Tiere-Ausbeutung nun allein dem Christentum anzulasten, wäre historisch falsch, räumte Rosenberger ein. Aber die ideengeschichtliche These, dass monotheistische Religionen - also Judentum, Christentum und Islam - anthropozentrischer ausgerichtet sind als andere wie Hinduismus oder Buddhismus, treffe tendenziell zu. Das Christentum war aus der Sicht des Autors durchaus ein Faktor bei der ideologischen Rechtfertigung von Ausbeutung der Natur - und sei es nur zur Gewissensberuhigung.

 

Die Dramatik der Klimakrise bedarf nach den Worten Rosenbergers eines Kurswechsels. Er verwies auf die biblische Schöpfungserzählung, in der Gott in sechs Tagen den ganzen Kosmos mit Pflanzen, Tieren und Menschen als zusammengehörige Einheit erschaffe. Und auch im Neuen Testament finde sich Wertschätzung gegenüber Tieren, etwa wenn Jesus in der Bergpredigt darlegt, dass sich Gott auch um die Vögel des Himmels kümmert und Lilien schuf, deren Pracht auch jene des Königs Salomo in den Schatten stellt.

 

Berater von Politik und Kirche

 

Prof. Michael Rosenberger war Rektor und Prorektor der Katholisch-Theologischen Privat-Universität Linz, sein Forschungsschwerpunkt als Moraltheologe ist der Bereich Schöpfungsethik (dazu zuletzt: "Christliche Schöpfungsethik" und "Spiritualität aus Erde", beide 2021 erschienen). Der gebürtige Würzburger berät Politik und Kirche - seit 2004 als Mitglied der Gentechnik-Kommission beim Gesundheitsministerium und Umweltsprecher der Diözese Linz, seit 2019 gehört er der Kommission Ethische Geldanlagen der Österreichischen Bischofskonferenz und Ordensgemeinschaften (FinAnKo) an.

 

Rosenbergers neues Buch "Krone der Schöpfung? Ursprünge des christlichen Anthropozentrismus und Möglichkeiten seiner Überwindung" (Baden-Baden 2023) steht als hier Open Access gratis zum Download zur Verfügung. 

 

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