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„Das Netzwerken ist ein Nebenprodukt“

Gesellschaft & Soziales

Selbstbewusst auftreten und klar zeigen, wer man ist: Das ist das Ziel des neuen Vorsitzenden des Österreichischen Cartellverbandes, Michael Bayrhammer. Ein Jahr lang wird seine Verbindung, die Sängerschaft Waltharia, den „Vorort“ (Vorsitz) im Cartellverband übernehmen. Über die Grundlagen der farbentragenden katholischen Hochschülerverbindungen, ihre Abgrenzung zu den Burschenschaften und kritische Anfragen spricht Bayrhammer im Interview.   
 

Ausgabe: 27/2019
02.07.2019
- Heinz Niederleitner
In der studentischen Tracht bei festlichen Anlässen unterscheiden sich die katholischen Verbindungen des Cartellverbands äußerlich wenig von den Burschenschaften, inhaltlich dafür umso deutlicher.
In der studentischen Tracht bei festlichen Anlässen unterscheiden sich die katholischen Verbindungen des Cartellverbands äußerlich wenig von den Burschenschaften, inhaltlich dafür umso deutlicher.
© Karl Schöndorfer / picturedesk.com

Sie haben angekündigt, dem Cartellverband ein scharfes und kantiges Profil verleihen zu wollen. Was bedeutet das konkret?
Michael Bayrhammer:
Wir haben über viele Jahre erklärt, was wir nicht sind, indem wir etwa auf die Unterschiede zu den Burschenschaften hingewiesen haben. Das war auch notwendig, aber damit alleine darf man sich nicht zufrieden geben. Ein Verband mit 13.000 Mitgliedern kann sich nicht nur durch Abgrenzung definieren. Deshalb wollen wir selbstbewusst erklären, was der Cartellverband ist und worin sein gesellschaftlicher Mehrwert besteht.


Wie würden Sie den Cartellverband definieren?
Bayrhammer:
Unsere vier Prinzipien sind die Basis: scientia (Wissenschaft), religio (Religion), patria (Heimat) und amicitia (Lebensfreundschaft). Unsere Bindung und Tätigkeit beruht auf diesen Prinzipien, in denen die Mitglieder auch ausgebildet werden, denn die Bindung gilt für das ganze Leben. Basierend auf diesem Wertegerüst leisten die Mitglieder ihren Beitrag für die Gesellschaft. Das kann ein Firmenchef sein, der tausend Mitarbeitern bestmöglich den Arbeitsplatz zu erhalten versucht und ihnen Fortbildungen ermöglicht. Das können aber auch Bundesbrüder sein, die Obdachlose betreuen.


Was in den Prinzipien Lebensfreundschaft heißt, sehen Kritiker eher als Netzwerkbildung und Seilschaften. Ist da etwas dran? 
Bayrhammer:
In jedem Verein entstehen Freundschaften, Bekanntschaften und Netzwerke. Das ist legitim und hat an sich keinen negativen Hintergrund. Wenn jemand einen Partner für eine Unternehmensgründung sucht, fragt er zunächst eher einen Freund aus dem Tennisklub oder eben einen Bundesbruder aus der Studentenverbindung, statt eine Ausschreibung zu machen und zu hoffen, dass eine unbekannte Person auch dazu passt. Wichtig ist mir, dass das nicht der Hauptzweck der Studentenverbindung, sondern ein „Nebenprodukt“ ist.


Dass sich junge Studenten für Wissenschaft (scientia) interessieren, sollte naheliegend sein. Wie äußert sich dieses Prinzip?
Bayrhammer:
Zum Beispiel in den Studienausschüssen, die es in jeder CV-Verbindung gibt. Dort wird der Studienfortschritt jedes Mitglieds überprüft und gegenseitige Unterstützung angeboten.


Religio – das ist im Cartellverband die katholische Kirche. Welche Beziehungen bestehen da?
Bayrhammer:
Wir haben eine wichtige Brückenfunktion, die ich am eigenen Beispiel erläutern kann: Ich bin stark in meiner Heimatpfarre Seekirchen am Wallersee beheimatet, war Pfarrgemeinderat und fahre jährlich mit 50 Kindern auf Jungscharlager. Aber wenn man zum Studium in eine andere Stadt oder ein anderes Bundesland kommt, ist die Gefahr groß, dass der Kontakt zur Kirche abreißt. Es geht ja kaum jemand in eine fremde Pfarre und sagt: Da bin ich. In jeder unserer Studentenverbindungen gibt es aber einen Seelsorger. Diese Seelsorge hält den Kontakt zur Kirche aufrecht. Es ist gerade in einer Zeit, da viele Menschen drei Schritte weg von der Kirche machen, wichtig, wenn eine Organisation dafür steht, einen Schritt auf die Kirche zuzugehen. Dass das auch von Kirchenvertretern gewürdigt wird, wurde mir beim Besuch der Bischofskonferenz vergangene Woche von mehreren Bischöfen versichert. Im Jänner 2020 wird es etwa einen Studententag mit Unterstützung der Erzdiözese Salzburg geben.


Kommen wir zum Prinzip Heimat (patria). Wofür steht der genau?
Bayrhammer:
Da geht es einerseits um das gesellschaftspolitische Engagement, andererseits ganz grundsätzlich um ein Bekenntnis zur Republik Österreich sowie dazu, dass Österreichs Zukunft im geeinten Europa liegt, wie immer das einmal aussehen wird.


Das ist ein Unterschied zu vielen deutschnational eingestellten Burschenschaften. Viele Leute tun sich aber schwer, CV und Burschenschaften auseinanderzuhalten. Was können Sie da tun?
Bayrhammer:
Es gibt verschiedenste Verbindungen, die auf studentischen Traditionen beruhen und in studentischer Tracht auftreten. Deshalb kann ich niemandem einen Vorwurf machen, wenn die Unterschiede nicht auf den ersten Blick erkannt werden. Aber genau deshalb möchten wir nach außen hin erklären, wer wir sind. Wir werden zum Beispiel kommendes Jahr an der 75-Jahr-Feier der Befreiung des KZ Mauthausen teilnehmen. Als wir im Vorjahr das erste Mal dort aufgetreten sind, haben wir eine ablehnende Haltung erfahren, weil die Teilnehmer nicht wussten, wer wir sind. Dieses Jahr waren wir hundert Personen und wurden mit Interesse angenommen. Das ist die Art zu zeigen, wer wir sind.


Der ÖCV besteht aus rein männlichen Verbänden. Versuche, das zu ändern, wurden nicht fortgesetzt. Ist das heute nicht schwer zu erklären?
Bayrhammer:
Es gibt parallele Strukturen: Einerseits den Cartellverband, andererseits die Vereinigung christlicher farbentragender Studentinnen (VCS) mit reinen Frauenverbindungen. Sowohl Männer als auch Frauen haben eine Vereinigung abgelehnt: Der VCS ist jünger und hat deshalb weniger Mitglieder. In einem gemeinsamen Verband wären sie in der Minderheit. Wichtig ist, dass wir nach außen hin gleichberechtigt nebeneinander auftreten.


Man könnte sagen, einer reinen Männer- oder Frauenverbindung fehlt bei internen Debatten die Sichtweise des anderen Geschlechts.
Bayrhammer:
Ich gebe Ihnen recht, die Debatten sind sicherlich anders, aber deshalb nicht zwingend schlechter oder besser.

 

Zur ÖVP gab und gibt es traditionell viele personelle Überschneidungen.

Welche Haltung vertritt der CV zur Parteipolitik? 
Bayrhammer:
Wir sind parteifrei. Das gilt auch für mich persönlich und den Großteil meines Vorsitzteams. Wären wir Vorfeldorganisation einer Partei, könnten wir nicht mit einer eigenen Linie nach außen treten. Der Grund der Nähe zu manchen Parteien sind inhaltliche Überschneidungen. Während unseres Vorsitzes werden wir ein Projekt mit dem Titel „Common Ground“ umsetzen, bei dem wir mit den verschiedensten Positionen im demokratischen Spektrum in Kontakt treten, auch mit jenen, die uns nicht nahestehen. Studentenpolitisch haben wir indirekt einen Einfluss, weil sich unsere Mitglieder mit unserem Wertegerüst in verschiedenen Gruppen engagieren.


Während meines Studiums vor zwanzig Jahren bin ich nie in Kontakt mit einer Studentenverbindung gekommen. Zugegeben: Ich habe mich auch nicht darum bemüht. Heute frage ich mich: Wie kommen Sie zu Ihren 13.000 Mitgliedern?
Bayrhammer:
Das geht stark über das persönliche Ansprechen: Wenn man eine Person kennt, kann man eher einschätzen, ob sie zum Wertegerüst der Verbindung passt. Deshalb gibt es ja auch die Fuchsenzeit (Probezeit), während der man sieht, ob man zusammenpasst und am Schluss die Entscheidung über den Eintritt trifft, der für das ganze Leben gilt. «

 

Michael Bayrhammer

Der 23-Jährige ist seit 1. Juli Präsident des Österreichischen Cartellverbands. Der Student der Rechtswissenschaft an der Universität Wien war schon als Schülervertreter aktiv, war Pfarrgemeinderat in Seekirchen am Wallersee und ist bis heute dort in der Katholischen Jugend und Jungschar aktiv. Ab seiner Matura koordinierte das heutige Mitglied der Hochschulverbindung Sängerschaft Waltharia ein Forschungsprojekt in Kooperation mit der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, das international Anerkennung fand.   

 

 

Hintergrund

 

Studentenverbindungen

Die mittelalterlichen Ursprünge der Studentenverbindungen liegen in der Notwendigkeit, sich als von zum Teil weit her angereiste Studenten in der Universitätsstadt zur gemeinsamen Hilfe zu organisieren. Eine starke Prägung erfolgte im 19. Jahrhundert. Intern sind die Verbindungen durch Aufnahmerituale (Fuchsenzeit als Probezeit etc.), Traditionen und vor allem die lebenslange Bindung geformt. Nach außen sind sie meist durch die Farbenbänder, die sie über die Brust oder am Deckel (Kopfbedeckung) tragen, bei festlichen Anlässen durch alte studentische Tracht (Wichs)erkennbar.

 

Unterschiede

Die Verbindungen haben dennoch sehr unterschiedliche ideologische Grundlagen. Es gibt unter anderem deutschnationale Burschenschaften, die politisch weit rechts stehen und zum Teil Mensuren fechten, andererseits die nichtschlagenden katholischen Verbindungen. 50 männliche katholische Verbindungen sind im Österreichischen Cartellverband versammelt, zehn weibliche in der Vereinigung christlicher farbentragender Studentinnen. «

Michael Bayrhammer
Michael Bayrhammer
© www.charakter.photos | Philipp Monihart
Bei festlichen Anlässen wird der Vollwichs getragen.
Bei festlichen Anlässen wird der Vollwichs getragen.
© Manu / Visum / picturedesk.com
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