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Elisabeth Lukas: Die volle Lebensscheune

LEBENS_WEISE

Wie mit der Vergänglichkeit des Lebens zurechtkommen? Elisabeth Lukas, eine der bekanntesten Schülerinnen von Viktor Frankl, dem Gründer der Logotherapie, gibt Hinweise und Tipps.

Ausgabe: 04/2024
23.01.2024
- Josef Wallner
Die Scheune, in der die Ernte des Lebens lagert, ist ein sprechendes Bild Viktor Frankls.
Die Scheune, in der die Ernte des Lebens lagert, ist ein sprechendes Bild Viktor Frankls.
© Adobe/Peter

44 Jahre lang war die Psychotherapeutin und klinische Psychologin Elisabeth Lukas glücklich verheiratet. Überaus glücklich verheiratet, wie sie bei einem Vortrag erzählt, der den Umgang des Menschen mit seiner Sterblichkeit zum Thema hat. Vor zehn Jahren ist ihr Mann gestorben. Sie will nicht nur theoretisch über die Vergänglichkeit des Lebens referieren, sondern aufzeigen, wie sie selbst mit diesem Verlust umgeht. 


Der Schmerz war groß, bekennt sie ohne Wenn und Aber, und die Trauer bleibt. Aber es bleiben auch Freude und Dankbarkeit über das immense Geschenk ihrer Ehe. „Der Tod kann mir nicht eine Stunde unserer Beziehung wegnehmen. Er kann aus einer glücklichen Ehe keine unglückliche machen. Sie bleibt ein Schatz in meiner Lebensscheune“, betont sie. Auch wenn im Alltag – bildlich gesprochen – zwei Gefährten auf ihren Schultern sitzen und der eine ihr immer wieder ins Ohr flüstert, dass sie alles verloren hat, gibt es doch auch den zweiten Gefährten, der sie vor Verzweiflung schützt. Dieser ist der stärkere. Er ermutigt sie, indem er ihr sagt: „Was du mit deinem Mann erlebt hast, bleibt.“

 

DIE ZÄHNE DES TODES

 

Elisabeth Lukas ist eine weltweit bekannte Nachfolgerin des Wiener Psychiaters und Holocaust-Überlebenden Viktor Frankl (1905–1997).
Dieser ist Gründer eines eigenständigen psychotherapeutischen Ansatzes, der Logotherapie und Existenzanalyse. Diese nimmt in besonderer Weise die geistige Dimension des Menschen in den Blick und betrachtet sein Streben nach Sinn im Leben als dessen stärkste Motivationskraft. 


Das Bild der Scheune hat Lukas nicht zufällig gewählt, um die Bedeutung ihrer Ehe zu beschreiben. Das „Scheunengleichnis“ ist ein wichtiges Bild in der Lehre Frankls. „Der Tod als Sensenmann nimmt uns alle Möglichkeiten des Lebens, aber eines kann er nicht: die Scheune betreten, in der unser ganzes gelebtes Leben aufgehoben ist. Der scheinbar allmächtige Tod muss vor dem Scheunentor stehen bleiben“, schildert Lukas.Sie ruft dazu auf, im Leben nichts aufzuschieben, wenn man eine gute Idee hat, helfen, lieben oder irgendwem etwas schenken will: „Jede Möglichkeit, die man verwirklicht, ist, wie wenn man sie den Zähnen des Todes entreißt. Jede realisierte Möglichkeit kann nicht mehr verfallen, sondern findet ihren Platz in der Scheune des Lebens.“ 
 

MEHR UNKRAUT ALS KORN


Vor allem im Blick auf die Vergänglichkeit sind weitere Stichworte: Fehler bereuen, Menschen verzeihen, Danke sagen, Anerkennung aussprechen und Frieden schließen. Was ist, wenn die Ernte des Lebens aus wesentlich mehr Unkraut als aus reifen Kornähren besteht, fragt  Elisabeth Lukas. Sie erzählt von einer Begegnung aus dem Leben Viktor Frankls, die auf das Zentrum der Logotherapie verweist, das darin besteht, dass der Mensch in jeder – und zwar wirklich in jeder – Situation etwas Sinnvolles machen kann. 

 

VOR DER HINRICHTUNG


Ein  zum Tod verurteilter Häftling, der am darauffolgenden Tag auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet werden soll, bittet Frankl zu einem Gespräch. Frankl erzählt ihm von seiner Zeit im KZ, wo er, im Schatten der Gaskammern und den Tod vor Augen, gelebt hat. Er habe aber nie gezweifelt, dass man auch in solch einer Situation in jeder Minute und Stunde etwas Sinnvolles tun kann. Frankl mahnt den Gefangenen, die letzte Nacht des Lebens zu nutzen, um zu bedauern, was er getan hat und um als besserer Mensch zu sterben.  

 

 

Elisabeth Lukas referierte auf Einladung der Pastoraltheologin Klara Csiszar an der Katholischen Privat-Universität Linz.
Elisabeth Lukas referierte auf Einladung der Pastoraltheologin Klara Csiszar an der Katholischen Privat-Universität Linz.
© Kiz/jw
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