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Das Vaterunser - Teil 4/4

Vergib uns

GLAUBENS_GUT

Die Bitte, vergib uns unsere Schuld, ist vielleicht die schwierigste von allen. Denn sie verknüpft den Satz mit den Worten „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. In diesem „wie auch“ liegt der Konflikt. Offenbar gibt es das eine nicht ohne das andere.
 

Ausgabe: 38/2023
19.09.2023
- Beatrice von Weizsäcker
Gott vergibt Schuld. Erst dadurch werden wir fähig, selbst Schuld zu vergeben.
Gott vergibt Schuld. Erst dadurch werden wir fähig, selbst Schuld zu vergeben.
© Copyright 2021 Eliza / Photocase Addicts GmbH, all rights reserved.

Jesus steigert den Satz noch, indem er gleich im Anschluss an das Vaterunser sagt: Wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben. (Matthäus 6,14–15)

 

Aus dem „vergib uns“ wird ein „wird … nicht vergeben“. Gott, der bedingungslos liebt und bedingungslos an unserer Seite steht, vergibt nicht einfach so.

 

Seine Vergebung ist an die Voraussetzung gebunden, dass ich vergebe. Sie hat einen Preis. Nicht nur muss ich in der Lage sein zu vergeben. Ich muss es auch tun. Meine Vergebung ist, juristisch gesagt, die Conditio sine qua non für seine Vergebung.


Doch was, wenn ich nicht vergeben kann? Wenn ich nicht fähig bin zu verzeihen? Vielleicht weil die Verfehlung so groß ist, dass ich sie weder tragen noch ertragen kann? Vielleicht weil die Verletzung zu gewaltig ist und der Schmerz zu stark? Muss ich dann damit rechnen, dass Gott mir nicht vergibt?

 

Das ist das Dilemma: Ich kann nicht vergeben, wie auch Gott mir vergibt. Gleichzeitig muss ich es können, weil Gott sonst mir nicht vergibt. Dagegen ist die Quadratur des Kreises eine Kleinigkeit.

 

Weg von der eigenen Schuld


Letztlich aber glaube ich nicht, dass Gott mich fallen lässt, wenn ich nicht erfüllen kann, was er von mir verlangt. Gott holt mich aus der Finsternis, auch aus der Finsternis des Nichtvergeben-Könnens, dessen bin ich mir gewiss. Er hat mich aufgenommen „in das Reich seines geliebten Sohnes“, durch den wir Erlösung haben, „die Vergebung der Sünden“. (vergleiche Kolosser 1,13–15).


„Wenn ich zur Beichte gehe, dann um Heilung für mich zu erlangen, Heilung für meine Seele“, sagte Papst Franziskus 2011. „Um von der Erbärmlichkeit zum Erbarmen zu gelangen.“

 

Das war für mich wie eine Offenbarung. Die Möglichkeit, von der Erbärmlichkeit zum Erbarmen zu gelangen. Weg von der eigenen Schuld. Hin zu Gottes Erbarmen. „Denkt daran“, fuhr Franziskus fort, „im Herzen Gottes sind zuerst wir, noch vor unseren Fehlern.“

 

Vor Gott, der mit mir geduldig ist und der mir gnädig ist, bin immer zuerst ich – selbst vor meinem Fehler, nicht vergeben zu können; warum auch immer. 

 

Damit wir vergeben können


Darum lautet die Bitte, „wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“, in Wahrheit: „damit auch wir unseren Schuldigern vergeben können.“ Jesus fordert nicht von mir, dass ich vergebe, wie Gott es tut.

 

Die Bitte ist keine Bedingung, damit Gott mir vergibt. Sie ist vielmehr die Voraussetzung dafür, dass ich vergeben kann. Ich brauche Gottes Vergebung, damit es ruhig wird in meinem Herzen. Nur so kann ich beten, vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Beatrice von Weizsäcker, Juristin und Autorin
Beatrice von Weizsäcker, Juristin und Autorin
© privat
Vaterunser. Gebet meiner Sehnsucht. Verlag Herder 2023, 176 Seiten, € 18,60
Vaterunser. Gebet meiner Sehnsucht. Verlag Herder 2023, 176 Seiten, € 18,60
© Verlag Herder
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