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Peter Trummer: „Den Geist Jesu zwischen den Zeilen spüren“

Glaube

In einem Interview präsentiert der Grazer Bibelwissenschafter Peter Trummer sein neues Buch „Den Herzschlag Jesu erspüren“.

Ausgabe: 23/2021
08.06.2021
- Josef Wallner
Peter Trummer, geboren 1941, lehrte Neues Testament an der Universität Graz.
Peter Trummer, geboren 1941, lehrte Neues Testament an der Universität Graz.
© Michaela Begsteiger

Der Grazer Bibelwissenschafter Peter Trummer nimmt in seinem druckfrischen Buch „Den Herzschlag Jesu erspüren“ die Leser/innen auf eine spannende Reise durch das Neue Testament mit, die herausfordert, Überraschendes zu Tage fördert und das Vertrauen in die Botschaft Jesu stärkt.
 

 

Ihr Buch trägt den Titel „Den Herzschlag Jesu erspüren“. Dass ein Bibelwissenschafter seinem Buch so einen Titel gibt, überrascht. 
Peter Trummer:
Dass sich die Bibelwissenschaft des Herzschlags Jesu annimmt, mag überraschen, ist aber notwendig. Aber ich bin auch Kirchenmusiker und Organist. Da weiß ich: Ein Musikstück kann man nicht gut interpretieren, wenn man nur auf die Partitur schaut, man muss auch den Puls des Stücks erspüren. Beides gehört zusammen. So ähnlich ist das auch mit Bibeltexten. Es geht darum, dass wir den Geist Jesu zwischen den Zeilen erspüren. Und dabei habe ich im Laufe meines Lebens gelernt, dass ich dem eigenen Herzen mehr trauen darf als der Tradition.


Was meinen Sie damit?
Trummer:
Die Gewaltlosigkeit war ein Grundthema Jesu. Die kirchliche Lehre hat daraus nur die Lehre vom gerechten Krieg zusammengebracht. Es hat bis Mitte der Siebziger gedauert, bis die katholische Kirche die Gewaltlosigkeit Jesu überhaupt aufgenommen hat. Menschen, die die Gewaltlosigkeit entgegen oder trotz der kirchlichen Lehre gelebt haben, waren näher am Herzschlag Jesu. 


Was kann dann die Bibelwissenschaft noch leisten?
Trummer:
Die exakte Beschäftigung mit dem biblischen Text ist unverzichtbar. Wenn es neue Qualitäten in der Bibel zu entdecken gilt, läuft das über die Sprache. 38 Jahre lang habe ich Bibelgriechisch gelehrt. Das genaue Hinschauen auf die Sprache hat mir sehr geholfen und neue Einsichten eröffnet. So geht zum Beispiel das griechische Wort „arnéomai“, das mit „verleugnen“ übersetzt wird, viel tiefer. Petrus verleugnet Jesus nicht, sondern verneint die Beziehung zu ihm, kündigt die Beziehung auf. Das wiegt schwerer, schwerer sogar als das, was wir Judas vorwerfen können. Auch meint das Wort „katallagé“ nicht die Versöhnung, die wir meinen, sondern die totale Veränderung, und das ergibt dann ein völlig neues Glaubensbild.


In welchen Texten des Neuen Testaments zeigt sich der Herzschlag Jesu?
Trummer:
Wenn man Jesus erspüren möchte, muss man sich zu Herzen nehmen, dass er zu Gott „Abba“ sagt. Jesus war ein Mensch mit einer besonderen Gottesbeziehung, die sich in diesem aramäischen Wort „abba“ – man übersetzt am besten mit „Papa“ – zusammenfassen lässt. Er wollte diese Erfahrung nicht für sich behalten, sondern hat uns im „Vater unser“ Anteil daran geben wollen.  Er gibt uns Anteil an diesem gütigen und gastfreundlichen Gott.


Was heißt das?
Trummer:
Ich nehme einen ganz praktischen Aspekt heraus. Ich frage: Was richte ich mit einer Glaubensaussage über Gott an, die nicht von vornherein für alle Menschen einen positiven Sinn hat? Eine Aussage über Gott, die nicht allen Menschen – zu jeder Zeit – Gutes will, kann nicht richtig sein. Das setzt ein ehrfurchtsvolles, behutsames Reden von Gott und den Menschen voraus, wie es im Matthäusevangelium heißt: „Denn er – euer Vater im Himmel – lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Das heißt: Die Feindesliebe ist im Wesen Gottes verankert, aber wir reden gerne nur von seinem – vermeintlichen – Zorn und der Rache.


Wie kann man den Herzschlag Jesu nicht nur spüren, sondern auch seinen Glauben leben, wie der Untertitel Ihres Buches heißt?
Trummer:
Am ehesten mit dem „Vater unser“. Das Gebet regt an, mich selbst vertrauensvoll auf die Beziehung zu Gott einzulassen, ihn nicht als Erfüllungsgehilfen meiner Wünsche zu missbrauchen, sondern im Bewusstsein  seiner Transzendenz zu leben. Dazu braucht es keine neue Lehre. Sondern ein großes Vertrauen: Ich stehe jeden Morgen mit einem kräftigen „Danke“ auf. Überlegungen zum Dank und der damit verbundene Hinweis zur Eucharistie beschließen auch das Buch. „Danke“ ist zwar nur ein einziges Wort, aber es ist fast schon unser ganzer christlicher Glaube. Wir sollten allen daran Anteil geben. «

 

 

Peter Trummer: Den Herzschlag Jesu erspüren. Seinen Glauben leben. Herder 2021, 272 Seiten, € 28,–.  Die 32 Essays zur Bibel bieten Anregungen, Jesus und seiner Botschaft nahezukommen. Eine wesentliche Hilfe ist dem Autor dabei das Ringen um eine exakte Übersetzung einzelner biblischer Begriffe.

Peter Trummer: Den Herzschlag Jesu erspüren. Seinen Glauben leben. Herder 2021, 272 Seiten, € 28,–
Peter Trummer: Den Herzschlag Jesu erspüren. Seinen Glauben leben. Herder 2021, 272 Seiten, € 28,–
© Herder
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