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Erst das Gewissen, dann der Papst

GLAUBENS_GUT

Der Kirchenlehrer John Henry Newman stellte das Gewissen in das Zentrum seiner Theologie. Er hielt deshalb fest, dass er weder dem Papst noch der Königin absoluten Gehorsam erweisen würde.

Ausgabe: 46/2025
11.11.2025
- Roman A. Siebenrock
Das Porträtfoto zeigt John Henry Newman als kritischen Denker.
Das Porträtfoto zeigt John Henry Newman als kritischen Denker.
© akg-images / picturedesk.com

Sogenannte Maximalisten träumten nach dem Unfehlbarkeitsdogma von 1870 davon, dass der Papst ihnen das eigene Urteil abnehme. Ihnen entgegnete John Henry Newman: „Wenn ich genötigt wäre, bei den Trinksprüchen nach dem Essen ein Hoch auf die Religion anzubringen (was freilich nicht ganz das Richtige zu sein scheint), dann würde ich trinken – freilich auf den Papst, jedoch zuerst auf das Gewissen und dann erst auf den Papst“.

 

Die Pflicht, dem Gewissen zu folgen


Mit seinem Toast lehnt Newman die Kirche und ihre Bedeutung für die Einzelnen nicht ab. Immer bleibt er der Kirche Christi treu. Dennoch: Glauben ist für ihn ein ganz persönlicher Akt, durch den er in seiner innersten Mitte, mit seinem Schöpfer und Erlöser verbunden wird. Glaube ist Beziehung in Herz und Gewissen. Deshalb, so sagt später Joseph Ratzinger, gibt es so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt. John Henry Newman geht auch davon aus. Das Gewissen vermittelt einerseits „im moralischen Sinn“ eine Kenntnis der allgemeinen Vorstellungen von Moral. Bedeutender aber ist der „Sinn der Pflicht“, durch den ein Mensch vor eine unbedingte Forderung gestellt wird. Durch den „Sinn der Pflicht“ wird jede Person über alles Gegebene hinausgerufen: Sie steht vor dem unbedingten Anspruch, dem Ruf eines Anderen. Dieser Ruf erweist sich gewöhnlich als Richterspruch. Wenn ich eigenbestimmt leben möchte, muss ich diesem Ruf folgen. Das verlangt von mir, auch dem eventuell „irrenden Gewissen“ zu folgen – und lernend offen zu bleiben für den nächsten Schritt.

 

Gott ackert mit dir


Solches Denken und Handeln nennt Newman „real“. Er unterscheidet zwei Weisen, das Leben zu gestalten: begrifflich und real. „Begrifflich“ nennt er eine Lebensweise, die sich von Begriffen, Meinungen und Vorgegebenem leiten lässt. „Real“ nennt er eine Erkenntnis, in die der Mensch selbst eingebunden ist. Wer nie einen Gipfel erklommen hat, kann nicht „real“ vom Bergsteigen reden. „Reales Denken“ ist erfüllt von persönlichen Lebenserfahrungen, mit allen Gefühlen, Erkenntnissen, Illusionen und Träumen. Allen Menschen ist eine persönliche Denkform gegeben, ein „illative sense“, ein „folgernder Sinn“. Mit diesem Sinn können sie Lebenskompetenz entwickeln und ihre eigenen Erfahrungen lebenstauglich integrieren. Hab Mut, deinen eigenen Weg mit und zu Gott zu gehen. Hab Mut, dein dir eröffnetes Bild Christi zu verlebendigen. Gott ackert mit dir auf deinem ureigensten Lebensfeld.

 

„Absoluten Gehorsam erweise ich nicht“


Deswegen muss die Kirche dem Gewissen dienen. Das gilt für jede Autorität, auch den Staat. Newman hält als Maxime fest: „Sollte entweder der Papst oder die Königin von mir einen ‚absoluten Gehorsam‘ verlangen, so würde er oder sie die Gesetze der menschlichen Gesellschaft übertreten. Absoluten Gehorsam erweise ich keinem von beiden.“   

 

John Henry Newman

 

John Henry Newman (1801–1890) wurde am 1. November in den Kreis der 38 Kirchenlehrer:innen aufgenommen – als erster englischsprachiger Christ.
20 Jahre lang wirkte er als anglikanischer Priester, wurde
katholisch, wieder zum Priester geweiht und 1879 Kardinal. Er gilt als einer, der anglikanische und katholische Kirche verbindet. Das Gewissen und die persönliche Gottesbeziehung stehen im Mittelpunkt seiner Theologie.

Roman A. Siebenrock
Roman A. Siebenrock
© Universität Innsbruck
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Maria Fischer studierte Theologie und Philosophie. Sie ist Pastoralvorständin der Pfarre TraunerLand in der Diözese Linz.

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