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Der Brunnen in der Wüste – der Schatz in uns

Glaube

Woraus speist sich unser Leben, was ist die Quelle aus der wir schöpfen? Manchmal muss man nicht in der weiten Ferne suchen, sondern in sich selbst, um die Liebe zu finden.
 

Ausgabe: 20/2019
14.05.2019
- P. Anselm Grün
Verheißung für jeden Dürstenden: Erst der Brunnen macht die Wüste schön, heißt es im „Kleinen Prinzen“.
Verheißung für jeden Dürstenden: Erst der Brunnen macht die Wüste schön, heißt es im „Kleinen Prinzen“.
© Meikel.inSpirit / photocase.de

Als Antoine de Saint-Exupéry keinen Tropfen Wasser mehr in seinem Behälter hat, geht er mit dem Kleinen Prinzen in seinem Buch auf die Suche nach Wasser. Sie sprechen über die Schönheit der Wüste. Da sagt der Kleine Prinz: „Was die Wüste noch schöner macht, ist, dass sie einen Brunnen birgt, irgendwo.“ Saint-Exupéry wird durch dieses Wort an seine Erfahrung in der Kindheit erinnert. Da wohnte er in einem Haus, von dem es hieß, dass darin ein Schatz vergraben ist. 

 

Biblische Bilder

Beides – der Schatz im eigenen Haus und der Brunnen in der Wüste – sind Bilder, wie sie auch die Bibel kennt. Jesus spricht vom Schatz im Acker, den wir ausgraben. Der Schatz steht für das wahre Selbst. Wir finden diesen kostbaren Schatz aber nur, wenn wir uns die Finger schmutzig machen und durch unsere Emotionen und Leidenschaften hindurchgraben, bis wir den Schatz finden. Ähnlich ist das Bild vom Brunnen in der Wüste. Beim Propheten Jesaja verheißt Gott seinem Volk: „Ich lasse in der Steppe  Wasser fließen und Ströme in der Wüste, um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.“ (Jes 43,20) In uns, mitten in der Wüste, in der wir uns wie ausgetrocknet fühlen, ist in uns eine Quelle. Jesus spricht von der Quelle des Heiligen Geistes, die in uns sprudelt. Aus ihr können wir trinken, auch wenn wir uns manchmal wie in der Wüste fühlen.

 

Aufwachen

Der Brunnen, den die beiden durstigen Wanderer in der Wüste finden, hat eine Rolle, einen Eimer und ein Seil. Der Kleine Prinz bewegt die Rolle hin und her. Und er sagt zu Saint-Exupéry: „Hörst du? Wir haben diese Rolle aufgeweckt und jetzt singt sie.“ Der Kleine Prinz hat die Fähigkeit, alles, was ist, durch seine Liebe und durch seine reine Gegenwart aufzuwecken. Auf einmal leuchtet der Sand wie Honig. Die Rolle beginnt zu singen. Das Wasser hat eine andere Qualität. Es ist gut für das Herz. Alles bekommt einen neuen Glanz. 

 

Sich einlassen

Der Kleine Prinz will uns lehren, alles, was ist, achtsam zu betrachten. Dann wird für uns – wie für den Kleinen Prinzen – alles zu etwas Geheimnisvollem. Der Brunnen spiegelt uns das Geheimnis des Lebens und der Liebe, der Freude und der Heiterkeit. Alles, was wir tun, bekommt eine andere Qualität. Wenn wir uns wie der Kleine Prinz auf die quietschende Rolle einlassen, wecken wir sie auf und sie beginnt zu singen. Wenn wir uns auf eine Blume einlassen wie er, dann erwecken wir sie zum Leben. Sie blüht für uns auf. Und das gilt auch für die Begegnung mit einem Menschen. Indem wir uns auf einen Menschen einlassen, wecken wir ihn auf. Er wird fähig, uns seine Lebendigkeit und seine Liebe zu zeigen.

 

Die innere Quelle

Das Gespräch zwischen dem Kleinen Prinzen und dem Flieger Saint-Exupéry erinnert an das Gespräch Jesu mit der Samariterin. Wie Jesus bittet der Kleine Prinz: „Gib mir zu trinken.“ Jesus verweist die Frau auf das lebendige Wasser, das in ihrem Inneren sprudelt. Der Kleine Prinz erinnert Saint-Exupéry an die innere Quelle, die er in seiner Kindheit erlebt und die seinen Durst nach Liebe gestillt hat. Es geht darum, mit dem Herzen zu suchen. Dann entdecken wir mitten in der Wüste den Brunnen und das Wasser, das dem Herzen guttut.

 

Die Spiritualität des Kleinen Prinzen

Teil 3 von 4 von Pater Anselm Grün

 

 

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Maria Fischer studierte Theologie und Philosophie. Sie ist Pastoralvorständin der Pfarre TraunerLand in der Diözese Linz.

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