Der Lift ist ein demokratischer Ort, weil ihn Politiker und Wähler gleichermassen benutzen. Gespräche finden hier aber selten statt. Ein Unter Uns von Ernst Gansinger
Ausgabe: 2014/05, Unter Uns
29.01.2014
- Ernst Gansinger
Der Lift ist einer der demokratischsten Orte, sagte der EU-Parlamentarier Josef Weidenholzer bei einer Diskussion in der Katholischen Hochschulgemeinde Linz. Denn den Lift benutzen Präsidenten und Bedienstete, Politiker und Wähler. In einen solchen Lift musste ich vor Kurzem zugestiegen sein, um hochzukommen. Anzugträger befanden sich darin genauso wie Schweißträger, Weißhemden wie Schmutzhosen, glatte wie zerklüftete Hände, Weitblickende wie Kurzsichtige. Die Weitblickenden ließen ihren Blick schweifen, als würde die Liftkabine einen unendlichen Raum umfassen. Das Nahe nahmen sie nicht wahr. Die Kurzsichtigen starrten auf den Boden oder an die Decke, schauten auf einen Punkt, nicht auf Menschen. Im demokratischen Ort wurde nichts geredet. – Gemeinschaft macht stumm! Wie fürchterlich muss ein Lift mit Spiegeln sein, wenn durch sie jeder Seitenblick zum Blickkontakt wird. Auch Bahnhöfe sind demokratische Orte. In ihnen kommen alle zusammen. Sie haben offensichtlich nur ein Ziel: Bald nicht mehr beisammen zu sein. So bedächtig er sonst auch schreitet, in Bahnhöfen hetzt der Mensch. Was er sonst an Zeit verstreichen lässt, will er hier mit raschen Fußtritten zurückerobern: Zeit. – Gemeinschaft macht Beine.