Lust und Leib – Pfui Teufel! So galt es lange Zeit, zumal in kirchlichen Kreisen. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2014/06, Leitartikel
04.02.2014
Schlimm, denn damit wurde eine kostbare göttliche Gabe madig gemacht. Wo das schwere Muss allein das Sagen hat, geht die Freude kaputt – und jede Lust. Wenn man nachdenkt, warum es Menschen gar so selten in kirchliche Räume treibt: Vielleicht haben sie bloß keine Lust darauf. Es läge nicht nur an ihnen. Es ist wie mit der Liebe: Wo sie nur vom Muss geprägt ist, von Trieben getrieben, einseitig also, und es ist nichts Anziehendes da, vertrocknet sie. Liebreiz. Anmut. Das sind die starken Kräfte der Liebe. Des Glaubens auch – es sei denn, man hielte Gott für einen unattraktiven Sittenwächter. Wo Liebe und Glaube nichts mehr mit Anmut zu tun haben, nur noch von einem Muss gesteuert, werden sie roh und brutal. Biblisch ist es die Kraft der Verheißung, die Menschen anzieht. Da ist etwas, das sich lohnt. Begehrenswert und verlockend. Es zieht an, überwältigt – und macht erfinderisch. Vielleicht hat man sich zu sehr bloß um den Gehapparat der Kirche gekümmert, ihre Strukturen, und dass die Buchhaltung stimmt – statt sich schön zu machen – und attraktiv. Man glaubt nicht, wozu Menschen fähig werden – aus Lust.