Ein Mann steigt in die Straßenbahn und fängt zu schimpfen an, weil niemand für ihn aufsteht. Doch dann kommt nimmt die Geschichte eine interessante Wendung, wie Ernst Gansinger in seinem Unter Uns schreibt.
Ausgabe: 2014/11, Unter Uns
12.03.2014
- Ernst Gansinger
Die Straßenbahn ist bummvoll. Ein Herr – nicht mehr der Jüngste, aber auch noch nicht betagt – steigt ein. Keiner der sitzenden Jüngeren springt hoch, um ihm einen Platz frei zu machen. Also fängt der Mann, der weiß, was Knigge meint, zu schimpfen an. Er ist noch rüstig, vor allem mit Worten. „Die Jugend“, grantelt er, „ehrt das Alter, weiß, was sich ziemt, lässt einen müden Mann nicht stehen ...“ Die Menschen in der Straßenbahn haben ihre Unterhaltung, ihr Theater. Die erste Szene schließt, der Mann tritt nicht ab. – Er wird in der zweiten Szene einen noch viel größeren Auftritt haben! Einer der jungen Burschen – etwa 16 Jahre alt – lässt sich vom Zornes-Monolog des Knigge-Mannes aus der Sitz-Ruhe bringen und steht auf. Sein Blick sagt dem Knigge-Mann: Setz dich nieder! Dieser aber ist baff, seinem Grant wurde das Ziel genommen. Kann einem Mieslaunigen Schlimmeres geschehen? Der Knigge-Mann beweist jetzt Steher-Qualitäten. Er setzt sich nicht nieder, trotzig bleibt der Sitz frei. Niemand traut sich hinzusetzen, denn alle haben gehört, wie der Scharfrichter zu urteilen weiß. Nur kurz sprachlos, verschärft dieser sein Urteil: „Jetzt bin ich beleidigt“, sagt er und bleibt stehen. Aus der bedingten Strafe des Grants ist eine unbedingte der Verbitterung geworden. Sie will alle bestrafen und ihr Leben mit dieser Bitterkeit tränken.