Ihren wirklichen Wert entfalten Bilder erst, wo sich jemand berühren und treffen lässt. Leitartikel von Matthäus Fellinger
Ausgabe: 2014/14, Gurlitt, Bilder, Wert
02.04.2014
Sie haben viel Aufsehen erregt – die Gurlitt-Bilder aus München und Salzburg, und auch die Essl-Kunstsammlung, die nun für die Rettung der Baumarkt-Kette Geld bringen soll. Fachleute sind am Zug und schätzen den Wert – in Geld. Aber gerade das ist die „Entwertung“, wenn Bilder auf ihren Handelswert reduziert werden – und nichts mehr zählt, was im Kopf der Künstlerin oder des Künstlers beim Malen vor sich ging, nichts vom Protest, dem Aufruhr, auch nicht das Staunen. Ihr Geldwert mag erhalten bleiben, vielleicht sogar steigen, während Bilder an dunklen Orten verschlossen liegen. Ihren wirklichen Wert entfalten sie erst, wo sich jemand berühren und treffen lässt. Wo Bilder öffentlich werden, haben sie Kraft. In der Kunst ist es so – aber auch bei den Bildern des Glaubens. Wie man es mit Gott hält, also auch mit den Menschen, lässt sich nicht mit dem Taufschein in einem Ordner abheften, auch nicht im Tresor eines selbstgenügsamen Herzens verbergen. Wo Glaubensbilder bloß gespeichert werden in Tradition und Bräuchen, bleiben sie eine Zeitlang intakt. Doch es ist wie mit dem Körper, der sich nicht bewegt. Er verliert seine Kraft. Man muss sie öffnen, die Glaubensspeicher – und auch das Herz.