Radiomusik im ärztlichen Wartezimmer oder im öffentlichen Amt: Die Hoffnung auf Stille wird oft jäh enttäuscht. Ein Unter Uns von Elisabeth Leitner.
Ausgabe: 2014/14, Unter uns, Ruhe, Radio
02.04.2014
- Elisabeth Leitner
Ich betrete das Wartezimmer der Fachärztin. Drei Frauen stehen vor mir und reden, die Ordinationshilfe telefoniert. Alles wird übertönt vom heimischen Musiksender, der mir ungefragt Ernährungstipps gibt und mich dann musikalisch mitnimmt auf die nächste Trauminsel. Nur du und ich, trällert er. Wir ganz alleine ... – Gerne möchte ich das Radiogerät anschreien, dass ich, wenn überhaupt, sicher nicht mit ihm auf die Trauminsel will und noch viel lieber wäre mir eine Ruheoase. Gleich jetzt. Im Wartezimmer geht die Berieselung weiter, doch werden dort seit neuestem auch noch die Augen strapaziert. Wie innovativ! Wer kann sich einem TV-Gerät mit laufenden Bildern und penetrantem Ton schon entziehen? Eine schreckliche Hautkrankheit samt Therapiemöglichkeit und einzigartiger Rezeptur (gleich hier zu kaufen!) wird beschrieben und angepriesen. Ich kann bald nicht mehr still sitzen. Ich erwäge – ganz im Stillen – einen Arztwechsel. Nach dem Arztbesuch steht noch ein Gang in ein öffentliches Amt an. Neue Reisedokumente für die Trauminsel, äh, ... den nächsten Familienurlaub sind zu organisieren. Meine Sehnsucht nach ein wenig Stille wird nicht erfüllt. Auch im öffentlichen Amt wird öffentlich Radio gespielt – und das nicht zu leise. Warum eigentlich?