Interesse an Zeitgeschichte. 130 Personen nahmen an der Veranstaltung zu Kirche und NS in Ried teil. Im Bild links Dr. Hans Dallinger, der über Kaplan Jakob Pramhas berichtete, rechts Gottfried Gansinger, der das Zeitgeschichte-Projekt in Ried initiierte und betreut.
Die NS-Zeit war nicht nur Umbruch; nicht ihr Anfang und nicht ihr Ende.
Unsere Diözese war in der NS-Zeit starker Verfolgung ausgesetzt. So wurden von etwa 1125 Geistlichen des Bistums 300 gemaßregelt und abgestraft. 100 Priester waren länger als einen Monat in Haft, 16 kamen ums Leben. Im Vortrag „Katholische Kirche in Oberdonau 1938 bis 1945“ vor wenigen Wochen in der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz befasste sich Univ.-Ass. Dr. Helmut Wagner mit Brüchen und Kontinuitäten vor, während und nach der NS-Zeit. Er verwies unter anderem auf die als Todesstoß für die Kirche gedachte Einführung des Kirchenbeitrags in der NS-Zeit, der zum finanziellen Erfolgsmodell wurde. Brüche widerspiegeln sich auch im Leben von Priestern, die in der NS-Zeit verfolgt wurden und sich nach der NS-Zeit von der Kirche nicht verstanden fühlten.
Franz Eiersebner
„... wenn ein Kooperator Franz Eiersebner aus Schärding, der ebenfalls als traurige Systempflanze bekannt ist, glaubt gegen die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, Anm.) loslegen zu müssen, weil sie die kirchlichen Sammlungen vielleicht beeinträchtige ...“ – Im ,Österreichischen Beobachter‘, August 1938, kündigt sich so an, was die Nationalsozialisten 1944 vollzogen haben, als sie Eiersebner wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ zu drei Jahren Haft verurteilten. Eiersebner, der im Mai 1945 zurückkehrte, richtete im Zuge der Bewerbung um die Pfarre Pierbach 1949 an das Bischöfliche Ordinariat eine Anfrage: „Es würde mich brennend interessieren, ob die Nachricht stimmt, dass die zu Hitlers glorreicher Wehrmacht einberufenen Geistlichen zusätzlich zu ihrem Sold von der DFK 80 Reichsmark Zuschuss erhielten, während die von der Gestapo eingezogenen ,Tölpel‘ diesen Spaß mit eigenem Geld bezahlen mussten.“ – Der Kanzleidirektor antwortete: „Was die Frage angeht, dass die eingerückten Geistlichen einen monatlichen Zuschuss erhielten, so entzieht sich dies meiner Kenntnis, es kann aber ganz gut möglich sein.“
Hermann Kagerer
Hermann Kagerer, Pfarrer in Altenfelden, wurde schon am 12. März 1938 – er war damals in Ried im Innkreis Religionslehrer – verhaftet. Der Zeitgeschichtler Gottfried Gansinger hat in Vergessenheit geratene Zeugnisse dieser Zeit „ausgegraben“ und ist auf Bemerkenswertes gestoßen: Der von den Nazis verleumdete Kagerer (siehe Bildtext oben) bekam Hilfe von Nationalsozialisten. Der Chef der SS-Standarte Ried wies öffentlich und schriftlich den erhobenen Vorwurf der Unsittlichkeit zurück. Kagerer erfuhr ein zweites Mal von einem ranghohen Nationalsozialisten Hilfe, eine Hilfe aus Dankbarkeit. Denn der Priester wandte als prominentes Mitglied der Vaterländischen Front einst die Entlassung eines illegalen Nationalsozialisten aus der Gendarmerie ab. Der illegale Gendarm wurde nur versetzt. Als er in der Hitlerzeit zu großem Einfluss kam, ordnete er Kagerers Entlassung aus dem KZ Mauthausen an. Kagerer wurde wegen des erlittenen Unrechts in der NS-Zeit 1950 eine staatliche Pension rückwirkend ab 1945 zugesprochen. Die Diözesanfinanzkammer griff auf diese Pension zu, um einen Überbezug hintanzuhalten. Kagerer klagte einem Freund: „Im KZ war ja ich und nicht die DFK in Linz ...“