Abt Benedikt Lindemann OSB (Foto: Wallner) legt großen Wert auf eine betont schlichte Feier der Liturgie: „In dieser verrückten und spannungsreichen Stadt in eine Kirche zu kommen, wo Mönche in Frieden und Ruhe beten – das spricht Menschen an.“
Das Regenbogenkreuz (Foto: Wallner) ist das Logo der Abtei Hagia Maria Sion und symbolisiert die Bundesschlüsse Gottes mit den Menschen. In der Abtei leben deutschsprachige Benediktiner.
Die Abtei und die Dormitio-Kirche (Foto: Schlager) gehören zu den Wahrzeichen der Stadt Jerusalem.
Israel – Palästina: Die „Mauer“ macht die Palästinenser zu Gefangenen im eigenen Land, die Angst vor Selbstmordattentaten hält die Bevölkerung Israels in Bann. Auf welche Seite sollen sich Christen stellen, denen die Menschen des „Heiligen Landes“ am Herzen liegen? Benedikt Lindemann, Abt der Abtei Hagia Maria Sion in Jerusalem, gibt Einblick in die schwierige Situation.
DAS GESPRÄCH FÜHRTE JOSEF WALLNER
An der Zahl von Nachrichten aus dem Nahen Osten mangelt es in Österreichs Medien nicht, doch zum Verständnis der verworrenen Lage tragen sie oft wenig bei ...
Abt Bendikt Lindemann: Mit diesem Urteil wäre ich vorsichtig. Ich bin jetzt zehn Jahre im Land und ich habe hier mehr Fragen als Antworten gefunden. Ich bin in vielen politischen Fragen sehr verunsichert. Man muss hier im Land immer mit verschiedenen Leuten reden und ihre jeweiligen Erfahrungen ernst nehmen: Da sind die Palästinenser in der Westbank (palästinensisches Autonomiegebiet), deren Leben durch die Mauer immer mehr eingeschränkt wird und wo die Armut rapide wächst. Oder es gibt die Ordensgemeinschaften in Nazareth, die angesehene christlichen Schulen für arabische Israelis führen und doch so manche Benachteiligung durch den Staat Israel erfahren. Hier auf dem Berg Sion, wo unsre Abtei liegt, habe ich auch viel Kontakt mit Israelis, die in großer Not sind.
In wirtschaftlicher Not?
Abt Benedikt: Nein, vor allem in existentieller Not. Es ist die tiefe Angst den Staat wieder zu verlieren, den Ort, wo man nach zweitausend Jahren in der Zerstreuung endlich eine Heimat hat. Auch diese Not nehme ich sehr ernst.
Kann man das so einfach sagen: Alle leiden?
Abt Benedikt: Unsere Option als Benediktiner am Berg Sion heißt: Wir stellen uns auf die Seite derer, die arm und unterdrückt sind. Und die gibt es auf beiden Seiten, auf israelischer und palästinensischer. Im Moment ist aber ganz klar, dass die größere Not bei den Palästinensern in der Westbank liegt. Ohne Wenn und Aber. Dazu stehe ich.
Ohne Religion ist die Politik in diesem Land nicht zu verstehen: wenn es um Ansprüche Israels auf palästinensische Gebiete geht, um die Hauptstadt Jerusalem, um die muslimischen Heiligtümer am Tempelberg ...
Abt Benedikt: Religion hat immer mit Politik zu tun und man kann sich vor allem hier diesem Zusammenhang nicht entziehen. Religion wird immer wieder für die eigenen Zwecke missbraucht und für die Legitimation der eigenen Ziele verwendet. Ob Religion und Theologie missbraucht werden oder nicht, zeigt sich an einem einfachen Kriterium: Religion, Glaube und Theologie müssen zum Dialog führen, sie dürfen nicht dazu beitragen, dass Gräben aufgerissen oder Mauern aufgerichtet werden.
Haben Sie selbst Erfahrung mit dem Glauben, der zum Dialog führt?
Abt Benedikt: Ich habe eine Zeit lang gemeinsam mit einem Muslim und einem orthodoxen Juden monatlich meditiert. Man kann viel reden, doch wir kommen theologisch sicherlich in ganz wenigem zusammen. Aber die schweigende Anbetung Gottes, das können wir miteinander tun. Es wird zu viel über Gott geredet, wir sollten lernen uns erst einmal Gott auszusetzen.
Wie ging das konkret vor sich?
Abt Benedikt: Wir haben eine Kerze angezündet, zu Anfang und in der Mitte ein Gebet gesprochen, das man jeweils für die anderen übersetzt hat, und wir haben gemeinsam in eine Richtung geschaut und miteinander meditiert. Auf einmal merkt man, dass im Schweigen die Herzen vereint werden – ich glaube, dass da viel, viel passiert. Der Gott der Liebe und des Friedens: Das war – unter Anführungsstrichen sozusagen – unser Thema. Darauf muss man sich im Vorfeld einigen. Diese Auseinandersetzung kann man sich nicht ersparen. Es gibt viele Aspekte Gottes, aber zum Gott der Liebe und des Friedens kann ein Muslim ja sagen, ein Jude kann ja sagen und ein Christ ebenso. Da hat man etwas gemeinsam, das nicht zu unterschätzen ist.
Trauen Sie sich in dieser angespannten Atmosphäre des Misstrauens Christen, Juden und Muslimen zu empfehlen, sich zum gemeinsamen Schweigen zu treffen?
Abt Benedikt: Ja, selbstverständlich. Ich kann mir sogar vorstellen, dass ich das in Zukunft in der Abtei sogar in einem größeren Rahmen anbiete. Ich halte viel von der Kraft des Gebets. Der gemeinsame Lobpreis hat eine große Macht.
Ist das nicht politisch naiv?
Abt Benedikt: Nein. Das Gebet ist eine wirkliche Kraft.
Wenn Sie auf die Pfarren im deutschsprachigen Raum schauen, haben Sie einen Wunsch an sie?
Abt Benedikt: Bei der Mittagshore um 12.15 Uhr sprechen wir täglich ein Friedensgebet. Der Berg Sion, auf dem unsere Abtei steht, ist in besonderer Weise dem Frieden verbunden. Am Sion befindet sich der Abendmahlssaal, wo der auferstandene Christus seinen Jüngern erschienen ist und gesagt hat: „Friede sei mit euch.“ Und an diesem Ort war Pfingsten, hier ist die Kirche entstanden. Am Ursprung der Kirche steht also der Friede: als Gabe und als Aufgabe zugleich. Die Zusage des Friedens gilt bis heute und der Auftrag den Frieden weiterzugeben auch. Daher wünsche ich mir von den deutschsprachigen Gemeinden, dass sie sich mit uns verbinden und diesen Friedensauftrag für das Heilige Land und für die Welt noch ernster nehmen als bisher. Und gemeinsam mit uns beten.
Das Friedensgebet vom Berg Sion und weitere Friedensgebete aus der jüdischen, christlichen und muslimischen Tradition finden sich unter: www.hagia-maria-sion.net
ZUR PERSON
Abt Benedikt Lindemann OSB
Benedikt Lindemann stammt aus Nordrhein-Westfalen und war Novizenmeister in der Abtei Königsmünster (Meschede), ehe er vor zehn Jahren – im Alter von 37 Jahren – als Abt in das Benediktinerkloster am Berg Sion nach Jerusalem kam. Damals gehörten der Abtei zehn Brüder an, heute zählt sie zwanzig Brüder (Alterdurchschnitt: 43 Jahre). Der Berg Sion mit dem „Obergemach“ (Letztes Abendmahl, Erscheinungen des Auferstandenen, Pfingsten) gilt als „Sitz der Urkirche“. Die Tradition sagt, dass Maria bis zu ihrem Tod am Sion geblieben ist. Die Basilika ist daher der „Entschlafung Mariens“ („Dormitio Mariae“) geweiht. Die Mönche sehen im Einsatz für den Frieden einen besonderen Auftrag: Nur wenige Minuten von der jüdischen Klagemauer, der Grabeskirche Christi und der Al-Aksa-Moschee der Muslime entfernt ist kein Ort der Welt besser geeignet, für die Begegnung von Juden, Christen und Muslimen Raum zu bieten.