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Aufmerksame Beobachterin

In welcher Welt wollen wir leben? – Diese Frage thematisiert Juli Zeh in ihrem Buch „Leere Herzen“. Berührend poetisch ist „Schildkrötensoldat“ von Melinda Nadj Abonji.
Ausgabe: 2018/04
23.01.2018
- Maria Fellinger-Hauer
© (c) Verlagsgruppe Random House GmbH, Muenchen

Leere Herzen


Deutschland im Jahr 2025, die BBB – „Besorgte-Bürger-Bewegung“ – regiert, demokratische Errungenschaften werden nach und nach abgeschafft, politische Kategorien sind obsolet geworden. Die EU und die NATO sind so gut wie aufgelöst, Trump und Putin haben sich verbrüdert. Werte und Moral sind in Auflösung begriffen. In dieser Welt, in der „die Leute das politische Spekulieren aufgegeben“ und sich ins Private zurückgezogen haben, lebt Britta Söldner mit Mann und Tochter „in einem sauberen Haus in einer sauberen Stadt und führt ein sauberes Unternehmen“. Sie bringt das Geld nach Hause. Wie sie es verdient, ist kein Thema. Mit ihrem besten Freund Babak betreibt sie eine Firma, die „Die Brücke“ heißt und als Heilpraxis für angewandte Tiefenpsychologie getarnt ist. Was die Firma, die den beiden zu beträchtlichem Wohlstand verholfen hat, wirklich macht, weiß kaum jemand. Doch als „Die Brücke“ unvermutet Konkurrenz zu bekommen scheint, wird es ungemütlich, ja lebensgefährlich.
Juli Zeh ist eine aufmerksame Beobachterin gesellschaftlicher Entwicklungen und persönlicher Verhaltensweisen. In einfacher, nüchterner Sprache entwirft die studierte ­Juristin in ihrem aktuellen Roman ein beklemmendes Szenario einer Wohlstandsgesellschaft, der die Moral abhanden gekommen ist. Es wäre zu billig, das Buch wegzulegen und zu beschwichtigen, dass WIR doch so arg nicht sind. Es geht um nichts Geringeres als die Fragen, wie und in welcher Welt wir leben möchten und was wir dafür dringend zu tun haben.
Juli Zeh, Leere Herzen, Luchterhand Literaturverlag München 2017, 347 S., ISBN 978 3 630 87523 1.

Schildkrötensoldat


Zoltán – Zoli – Kertész, blauäugiger Sohn eines „Halbzigeuners“ und einer Tagelöhnerin mit wechselnden Liebhabern, ist der Außenseiter in einem kleinen Ort in Serbien. Als Kind ist er dem Vater in voller Fahrt vom Motorrad gefallen, und der Bäcker, dem er die Mehlsäcke nicht schnell genug durch die Backstube schleppte, hat ihm den Kopf blutig geschlagen. Seither hat er das „Schläfenflattern“, sitzt am liebsten in seiner Scheune, beschäftigt sich mit Wörtern und löst Kreuzworträtsel. Er liebt Blumen und redet gerne und ungefiltert. Das weiß seine Umgebung nicht zu schätzen. Als 1991 der jugoslawische Bürgerkrieg ausbricht, sehen das die Eltern als Chance für den Sohn: In der Volksarmee soll der „Taugenichts“, der „Idiot“ zuerst zum Mann und dann zum Helden werden. Aber Zoltán passt auch dort nicht ins System, stellt die falschen Fragen – und die auch noch stotternd. Er ist Epileptiker, was höchstwahrscheinlich zu seinem Tod führt. Zoli wird nicht einmal 22 Jahre alt. Abwechselnd lässt die Autorin Zoltán selber und seine in die Schweiz ausgewanderte Cousine Anna erzählen. Anna war nach Zoltáns Tod in die alte Heimat gereist, um herauszufinden, wie er gestorben ist. Ein berührendes, poetisches Buch. Ein Plädoyer für Selbstbestimmung.
Melinda Nadj Abonji, Schildkrötensoldat,
Suhrkamp Frankfurt am Main 2017, 172 S.,
ISBN 978 3 518 42759 0.
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