BRIEF_KASTEN
Und doch: Würde man sich das Traurigsein abgewöhnen, ginge eines der menschlichsten Talente verloren. Zurück bliebe kalte Gleichgültigkeit.
„Hartgesotten“ zu sein, das fassen manche als eine besonders erstrebenswerte Eigenschaft auf. Hartgesottenen kann man auch Aufgaben zumuten, die ein „gewöhnlicher“ Mensch nicht übers Herz brächte – im Krieg zum Beispiel, in beinharten Geschäften, im Durchsetzen seiner Ziele.
In unserer Zeit kommt es wieder hoch, dieses Ideal des Hartgesotten-Seins – als ginge es hier geradezu um eine Tugend, die man sich aneignen müsse für den „Lebenskampf“. Aber wie verräterisch ist dies doch, das Leben als Kampf zu verstehen!
Das Ideal der Hartgesottenen kennt keine Traurigkeit. Solches Empfinden gilt dort als Schwäche, für die man sich schämen muss. Hartgesottene empfinden nichts, wenn jemandem weh getan wird. Das Weinen verkneifen sie sich. Wer das nicht aushält, sei eben ein „Weichei“.
Hartgesottene halten sich für stark und überlegen. Sie spüren nicht mehr, dass das, was sie für ihre besondere Fähigkeit halten, in Wirklichkeit ein Mangel ist. Eine Schwäche. Sie haben sich das Mitleid abgewöhnt und die Traurigkeit verboten. Sogar sich zu schämen, schämen sie sich. So haben sie sich das Menschlichste nehmen lassen – und merken es nicht einmal. Wie traurig!
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