BRIEF_KASTEN
Das Telefon ist umgeleitet, der Schreibtisch aufgeräumt. So ist es in vielen Diensträumen in der Ferienzeit der Fall. Manche der nun verlassenen Schreibtische haben eine Lade, die man versperren kann. Da sind die Dinge drinnen, die nicht alle zu Gesicht kriegen sollen – Privates eben.
Alte, kunstvoll gestaltete „Sekretäre“, wie man sie heute kaum noch in Gebrauch hat, hatten viele solcher Laden. Darin wurde verwahrt, was nicht für aller Augen bestimmt war. Moderne Schreibtische sind viel nüchterner – oft nur eine Platte auf Füßen, alles einsehbar. Die wichtigen Dinge landen im Safe. Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gesteht man Privates nicht gerne zu.
Die Art, wie Büromöbel gebaut werden, erzählt etwas vom Lebensverständnis ihrer Zeit. In der Gegenwart legt man viel Wert auf Transparenz. Geheimnisse wahren zu wollen, gilt als verdächtig. Die Grenze zwischen privat und öffentlich wird infrage gestellt. Das Interesse in der Politik und in den Medien gilt dem Aufbrechen der Laden. Das „Recht auf Geheimnis“ findet sich ziemlich in die Enge gedrückt.
„Ich habe nichts zu verbergen!“, ist eigentlich ein schamloses Bekenntnis – oder ein Armutszeugnis. Wer würde sich schon in einen Menschen verlieben wollen, bei dem nicht auch etwas geheimnisvoll wäre?
Neugier, die zwar alles wissen will, zugleich aber die Augen vor den Nöten der Menschen verschließt, ist eher eine Krankheit als eine lebensfreundliche Eigenschaft, denn: Wo keine Geheimnisse mehr Platz haben, regiert bald die Unheimlichkeit.
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